Anstrengende Pressefreiheit!

Anstrengende Pressefreiheit!

Von Verena Rau:

Während die Onlineplattform des Nachrichtenmagazins Focus, dass in den 90 iger Jahren unter dem Slogan „Fakten, Fakten, Fakten“ warb, heute die neusten Katzen YouTube Videos verlinkt, wenn­ die gefühlt 100. Talkshowdebatte über die Flüchtlingskrise ergebnislos geführt wird – und wenn es scheint, als gäbe es innenpolitisch nichts wichtigeres als der Beziehungsstatus des Justizministers: Dann ist man angekommen im Jahr 2016. Aber auch in der Realität, was wir aus dem Gut der Pressefreiheit gemacht haben, für das vor Jahren noch Menschen auf die Straße zogen, ihr Leben ließen. Nämlich augenscheinlich kaum etwas.

Aber warum ist das so? Warum wird der Eindruck geweckt, dass wir uns in Deutschland mit dem geringsten an Pressefreiheit zufriedengeben? Scheuen wir politische Debatten? Ist nur der Aufwand zu groß, sich intensiv mit Themen auseinanderzusetzen?

Pressefreiheit zwischen Wahrheit und Lüge

Im Vortrag „Medien zwischen Wahrheit und Lüge“ sprach jüngst Professor Lutz M. Hagen vom Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden, von der messbaren Abnahme der Qualität des Journalismus in Deutschland. Ursache hierfür ist die wachsende Boulevardisierung im Fernsehen und in den Printmedien. Der Durchbruch des Onlinejournalismus förderte das Kriterium Aktualität, sodass andere Kriterien wie Richtigkeit, Relevanz, Vielfalt und Ausgewogenheit weichen mussten.

Bereits 2006 stellte Siegfried Weischenberg in seinem Buch „Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland.“ fest, dass sich Qualitätsjournalismus und Boulevardpresse immer mehr annähern und klassifizierende Merkmale des Qualitätsjournalismus aufgeweicht werden. 10 Jahre später findet jene Vermutung ihre Bestätigung: Tier-Videos, Promi News und Social Media Ausrutscher von Politikern sind längst nicht mehr allein Grundlage des Boulevardjournalismus, sondern füllen die Seiten der anerkannten Nachrichtenmagazine. Es scheint, je ernster die politische Lage ist, desto seichter die mediale Unterhaltung. Doch dem seriösen, politischen Journalismus sollte Relevanz immer vor Unterhaltung gehen, sollte das Vermitteln und Erklären unserer komplexer werdenden Realität vor Reichweite und Quote gehen. – Er befasst sich mit den Fragen der Zukunft. Auch ein wenig mehr investigativer Journalismus würde der deutschen Medienlandschaft in Anbetracht der starken Boulevardisierung guttun.

Komplexe Themen, kompakte Informationen

Die Flüchtlingskrise, das internationale Finanzsystem oder die Strukturen der Europäischen Union – politische Themen nehmen stetig an Komplexität zu. Gleichzeitig werden die Beiträge auf Blogs, Twitter und in den Nachrichten immer kompakter. Ein Widerspruch, welcher dazu führt, dass Bürgerinnen und Bürger unzureichend informiert sind.

Denn jene Themen lassen sich weder in einem Tweet, noch in einem Talk-Format erklären, es bedarf daher einer umfassenden Information und Zeit. Zeit, die man sich nehmen muss, um informiert zu sein. Pressefreiheit bedeutet, die freie Arbeit der Medien. Es bedeutet aber auch, dass Menschen den Weg, wie sie sich informieren und wie umfassend, frei wählen können. In zahlreichen Ländern der Welt bleibt jener Weg versperrt – Staatsfernsehen, von der Regierung geleitete Presse und Zensur stehen einem freien Informationsfluss im Weg.

Pressefreiheit betrifft nicht nur die Vertreter der Medien, sondern in erheblichem Maße den Konsumenten. Jene zweite Seite der Pressefreiheit sollten wir mehr Wert schätzen, beispielsweise durch die Information in unterschiedlichen Medien. Politische Blogger oder kleine Hintergrundmagazine hinterfragen Themen häufig kritischer, als etablierte Formate dies tun.

Qualitativ hochwertiger Journalismus und die Zeit zur umfassenden Information sind jene beiden Aspekte, die in der aktuellen politischen Lage benötigt werden und zugleich Eckpfeiler einer wertschätzenden Pressefreiheit sind.

 

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