BILD versus Cicero: zur „Visualisierung des Grauens“

BILD versus Cicero: zur „Visualisierung des Grauens“

Cicero-Journalistin Petra Sorge hat Beschwerde beim Deutschen Presserat eingelegt. Der Auslöser: „Bild“ und „Bild.de“ zeigten Anfang Oktober ein Ebola-Opfer in großer Aufmachung. Sorge stellte in einer ihrer Medienkolumnen klar, dass dieses Vorgehen den Abgebildeten „entwürdigt“. Bild.de-Chef Julian Reichelt wetterte in seiner „Gegenrede“ auf „turi2.de“, Sorges Kritik sei „ein erschütternd ahnungsloses, besserwisserisches Beispiel für risikolosen Bürojournalismus“.

Petra Sorge beschreibt den Grund für den Eklat: „Auf Seite sieben zeigte ‚Bild‘ ein fünfspaltiges Foto eines Ebola-Toten. Die nackte Leiche, irgendwo am Stadtrand von Monrovia, Liberia, wird zur Beerdigung mit einem roten Tuch bedeckt. Das Gesicht des unbekannten Opfers ist zum Betrachter gedreht, deutlich identifizierbar“, so Sorge. Das Foto, das wir Ihnen zur Nachvollziehbarkeit der medienethischen Debatte unzensiert zeigen, brachte Sorge offenbar auf die Palme. „Es reicht, sich die Berichterstattung des Springer-Blattes anzuschauen und sie an den einfachen journalistischen Handwerksregeln zu messen“, erklärte Sorge.

 

FOTO: Daniel van Moll/laif

FOTO: Daniel van Moll/laif

Bild.de-Chef Reichelt: „Wir verstoßen nicht gegen den Pressekodex“

Reicht es nicht aus, dieses Bild verpixelt zu präsentieren, um für die „Ebola Hölle“ (Bild) zu sensibilisieren? Verstößt diese Art der Berichterstattung gegen journalistische Standards wie den Pressekodex? „Das ist in einem Wort: Unfug. Wir verstoßen nicht gegen den Pressekodex“, reagierte Reichelt und setzte nach: „Wir kommen unserer wichtigsten Aufgabe nach. Wir berichten, was ist.“

 

Pressekodex Richtlinie 8.2 – Opferschutz

„Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen  zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.“

 

Dem Wortlaut der relevanten Passage in den „publizistischen Grundsätzen“ des Deutschen Presserats scheint Reichelt zu widersprechen. Jedenfalls lag weder ein Einverständnis des Opfers oder seiner Angehörigen vor. – Diese waren zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits ebenfalls an Ebola gestorben.

 

Der Presserat zeigte in jüngster Vergangenheit, dass er in Bezug auf Opferschutz durchaus streng urteilt. So kassierte der „Spiegel“ im September eine Missbilligung für seinen Titel „Stoppt Putin jetzt“, der mit Fotos von getöteten Passagieren des Flugs MH017 unterlegt war. Und selbst Online-Kommentare ahndet der Presserat mitlerweile, wenn es um Opferschutz geht. Im Juni sprach der Presserat eine Missbilligung gegen das Journalisten-Blog „Ruhrbarone.de“ aus, weil dort Leser-Kommentare von der Redaktion aktiv freigeschaltet wurden, die einen toten Journalisten verhöhnten und laut Presserat die „Wahrung der Menschenwürde“ missachteten.

 

Vor diesem Hintergrund dürfte es Reichelt schwer haben, den Presserat von seiner Argumentation zu überzeugen, man dokumentiere nur die Realität. „Aus meiner Sicht war das würdelose Foto nicht nötig, um die Ebola-Seuche darzustellen“, erklärte Sorge. Sie sei ausgesprochen zuversichtlich, dass der Presserat ihrer Argumentation folge. „Fotos dürfen und sollen drastisch sein, wo es angebracht ist“, sagte Sorge, „Sinn meiner Beschwerde ist es, eine Debatte über die Frage anzustoßen: Wo endet Pressefreiheit und beginnt Voyeurismus?“

Von „Leichenbeschau“ und „ahnungslosem Bürojournalismus“

Die Pressestelle des Axel-Springer-Verlags teilt Reichelts Perspektive und reagierte: „Das Abbilden der Zustände und Opfer ermöglicht eine Visualisierung des Grauens der Ebola-Seuche.“ – Es wird also durchaus spannend, wie viel „Grauen“ der Deutsche Presserat in dieser Debatte für angebracht hält.

Die folgenden Artikel ermöglichen es, den gesamten Disput zu rezipieren.

Panik, Schlagzeilen und Leichenbeschau (Petra Sorge)

Cicero_Panik, Schlagzeilen und Leichenbeschau_Petra Sorge

 

Gegenrede: „Reporter-Job ist, zu dokumentieren“ (Julian Reichelt)

Gegenrede_Reporter-Job ist, zu dokumentieren_Julian Reichelt

 

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