„Deutlich leichter Vertrauen zu verspielen“ – Im Interview mit Professor Tobias Rothmund über Populismus und das Misstrauen von politischen Eliten  

„Deutlich leichter Vertrauen zu verspielen“ – Im Interview mit Professor Tobias Rothmund über Populismus und das Misstrauen von politischen Eliten  

Marine LePen, Donald Trump, Viktor Orban, Geert Wilders oder Beatrix von Storch – Populismus
und Parteien am rechten Rand etablieren sich innerhalb des politischen Geschehens. Welche Ursachen tragen hierzu maßgeblich bei, dass die Populisten einen solchen Aufschwung erfahren?

Es handelt sich hierbei um rechtspopulistische Parteien bzw. Bewegungen und Politiker. Diese sind durchphoto_normaldie Verbindung von populistischen Positionen z.B. das gute Volk gegen das böse Establishment mit autoritären und nationalistischen Standpunkten gekennzeichnet. Nicht jede Form von Populismus ist rechtskonservativ beziehungsweise rechtsradikal. Es gibt auch linkspopulistische Bewegungen. Die Ursachen einer Entwicklung hin zu rechtspopulistischen Bewegungen sind vielfältig und werden zum Teil in einer zunehmenden Verteilungsungerechtigkeit, in einer durch Globalisierung bedingten kulturellen Entfremdung oder auch in einem Rückgang an demokratischer Teilhabe vermutet. Empirische Untersuchungen zu dieser Frage gibt es jedoch bislang nur sehr wenige.

Bis vor wenigen Jahren wäre die Etablierung einer Partei rechts der Union ebenso undenkbar gewesen wie die Wahl Donald Trumps in den USA oder das gute Ergebnis das Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich einfährt. Ist dies ein
historischer Zufall? Oder gibt es Zusammenhänge zwischen den einzelnen Ausprägungsentwicklungen des Populismus der jeweiligen Staaten?

Durch die Globalisierung gibt es in diesen Ländern durchaus strukturell vergleichbare Entwicklungen. In eigenen Studien konnten wir in den USA und Deutschland jeweils eine vergleichbar große Bevölkerungsgruppe identifizieren, die sich durch einen homogenen Mix aus (a) stark populistischen, (b) stark autoritaristischen, und (c) stark nationalistischen Überzeugungen auszeichnet. Diese Menschen wählen nicht alle rechtspopulistische Parteien oder Personen. Sie sind aber potentielle Wähler und stellen die Zielgruppe rechtspopulistischer Parteien dar.

Häufig wird der aufkommende Populismus mit dem Vertrauensverlust der politischen Eliten erklärt. Medien, Politikern und Wirtschaftsbossen wird immer weniger vertraut – ist eine Änderung dieses Trends in Sicht?

In Deutschland liegt das Vertrauen in Medien und Politiker stabil auf niedrigem Niveau. Betrachtet man bevölkerungsrepräsentative Befragungsdaten aus dem Eurobarometer so zeigt sich in den letzten zwanzig Jahren keinesfalls ein weiterer Vertrauensverlust, sondern (vor allem in den letzten zehn Jahren) sogar tendenziell ein Anstieg im Vertrauen. Eine differenzierte Betrachtung zeigt jedoch auch, dass speziell rechtskonservative Personen in den letzten Jahren ein verringertes Vertrauen in Politik und Medien berichten.

Wie kann das Vertrauen in Politik und Medien dauerhaft verbessert werden?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Im Forschungsschwerpunkt „Medien, Kommunikation, Politik“ der Universität Koblenz-Landau versuchen wir Antworten auf diese Frage zu finden. Dabei konzentrieren wir uns auf zwei Ansätze. Inwiefern kann das Vertrauen dadurch verbessert werden, dass die Erfolge von Politik und Regierung besser kommuniziert werden, wie beispielsweise im Sinne von eingehaltenen Wahlversprechen? Welche Rolle spielen Transparenz und Nachvollziehbarkeit politischer Prozeduren? In beiden Fällen gibt es interessante Befunde, die darauf hindeuten, dass es deutlich leichter ist Vertrauen zu verspielen als dieses wieder zurück zu gewinnen. So zeigt sich beispielsweise, dass Berichte über gebrochene Wahlversprechen direkt und unmittelbar zu einem Vertrauensverlust führen während Berichte über gehaltene Wahlversprechen umgekehrt nicht denselben Effekt haben.

Aktuelle Umfragen prognostizieren für die Alternative für Deutschland (AfD) ein Umfrageergebnis bei den Bundestagswahlen zwischen 8-10%. Halten Sie dieses Ergebnis für realistisch oder besteht nicht die Gefahr, dass mehr Wählerinnen und Wähler sich für die AfD entscheiden?

Geht man von der Übereinstimmung der Grundpositionen, Populismus, Autoritarismus und Nationalismus zwischen Wählern und Partei aus, so umfasst das Wählerpotential der AfD ausgehend von unseren Studienergebnissen aus 2016 bis zu 30%. Man muss an der Stelle jedoch zwei Punkte einschränkend anmerken. Erstens, wir wissen nicht wie stabil diese Einstellungsstruktur über die Zeit hinweg ist. Es kann also durchaus sein, dass der Anteil dieser Personen, ausgelöst durch die Flüchtlingskrise, im letzten Jahr außergewöhnlich hoch war und in diesem Jahr wieder deutlich geringer ausfällt. Zweitens wählt ein großer Teil dieser Wählergruppe entweder traditionell Union oder geht gar nicht zur Wahl. Beide Punkte legen nahe, dass die AfD dieses Wählerpotential bei weitem nicht ausschöpfen kann. Das Wahlergebnis kann aber durchaus von kurzfristigen Ereignissen beeinflusst werden. Sollte es zu nationalen Sicherheitsbedrohungen kommen oder sollte die Union sich wieder in die Richtung pro Immigration bewegen, so könnten sich größere Wählergruppen wieder auf die AfD zu bewegen.

 

Wir danken Ihnen für das spannende Interview.  

 

Vita

Professor Tobias Rothmund ist Juniorprofessor für Politische Psychologie am Institut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik an der Universität Koblenz-Landau.

Er hat Psychologie und Philosophie an der Universität Trier studiert und 2010 an der Universität Koblenz-Landau promoviert. Schwerpunktmäßig befasst sich Rothmund mit der Frage, wie politische Ideologien und Einstellungen entstehen und warum sie sich verändern können. Außerdem forscht Rothmund zu psychologischen Reaktionen auf Normbrüche und Ungerechtigkeitserlebnisse in der Politik.

Ähnliche Beiträge zum Thema: