Die große Lüge von den harmlosen Metadaten

Die große Lüge von den harmlosen Metadaten

Die Begriffe „Rahmendaten“ und „Metadaten“ verschleiern die Brisanz sensibler Informationen: In Gesprächen können wir viel verraten. Wirklich nackt machen wir uns aber erst durch unsere „Metadaten“. Sie verraten, was wir denken, planen und tun. Ein Beitrag von Kai Biermann (ZEIT ONLINE) und Martin Haase.

Laudatoren (BigBrotherAward 2014): Kai Biermann und Martin Haase

Geheimdienste und Regierungen beteuern immer wieder, dass sie sich nicht für die Daten der Bürger interessieren, sondern „nur“ für die Metadaten, als ginge es dabei um völlig Irrelevantes, nachgerade um Datenabfall, der sowieso bei jeder Datenübertragung anfällt und im Gegensatz zu den „richtigen“ Daten nicht besonders schützenswert sei. „Niemand hört mit“, sagte US-Präsident Barack Obama nach Bekanntwerden der Snowden-Dokumente und wollte damit alle beruhigen. Was für eine Lüge.

Das griechische Präfix μετά- bedeutet „nach“ oder „jenseits“, wörtlich sind also Metadaten „Nachdaten“ oder „jenseitige Daten“. Im Deutschen wird das Präfix jedoch meistens verwendet, um anzuzeigen, dass es sich um etwas handelt, das auf einer höheren Abstraktionsebene anzusiedeln ist, in diesem Fall also: Daten über Daten.

Es sind eben jene Daten, die benötigt werden, um Informationen zu übermitteln: Wer schickt was und wie viel wie oft wohin, wo befindet er sich dabei, welche Geräte benutzt er dazu, wie lange dauert das alles. Die Metadaten sind für die Kommunikation essenziell, ohne sie könnten wir uns nicht digital unterhalten.

Spätestens seit Edward Snowden wissen wir, dass Geheimdienste Metadaten abschnorcheln, speichern und auswerten, wo sie nur können. Denn Inhalte sagen, was wir sagen. Metadaten aber sagen, was wir tun, und was wir denken. Sie enttarnen uns und unsere Pläne, ohne dass wir es merken. Metadaten erlauben es, soziale Netzwerke aufzudecken, die Standorte von Menschen zu ermitteln und Bewegungsprofile zu erstellen.

Statt sie wie Abfall zu behandeln, den jedermann aufsammeln kann, müssten sie mindestens ebenso gut geschützt werden, wie der Inhalt unserer Kommunikation. Denn sie sind ganz und gar nicht so „jenseitig“, wie das Präfix andeutet.

Außer den Überwachten scheint daran aber niemand Interesse zu haben. Was sich unter anderem daran zeigt, dass die große Lüge von den harmlosen Metadaten auch sprachlich aufrecht erhalten werden soll. Das Synonym „Verbindungsdaten“ macht nicht im Ansatz klar, wie umfangreich und aussagekräftig unsere Metadaten sind. Als Verschleierung genügt das offensichtlich nicht, inzwischen ist „Rahmendaten“ das neue Ersatzwort (http://www.tagesschau.de/ausland/obama3660.html).

Für den Versuch, diese flächendeckende Überwachung sprachlich zu verheimlichen, erhält der Begriff „Metadaten“ einen Big Brother Award 2014.

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