Finale: Bekommt „Bild“ den Ritterschlag durch den Henri-Nannen-Preis?

Finale: Bekommt „Bild“ den Ritterschlag durch den Henri-Nannen-Preis?

Ausgerechnet für die Berichterstattung zur Wulff-Affäre sind die „Bild“-Autoren Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns für den Henri-Nannen-Preis nominiert. Und das in der Kategorie „Investigation“.

„Bild“ ist für die Berichterstattung zur Wulff-Affäre für den Henri- Nannen-Preis nominiert und steht im Finale des Wettbewerbs. Und das in der Kategorie „Investiga­­tion“. Am 11. Mai wird der renommierte Journalistenpreis im Hamburger Schauspielhaus vergeben. Die „Bild“-Autoren Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns sind mit ihrem Stück „Wirbel um Privat-Kredit – Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ bis unter die letzten drei Bewerber vorgedrungen.

Investigativer Journalismus deckt auf – „Bild“ deckte Wulff

Dabei ist durch die am 7. Mai 2012 veröffentlichte Fallstudie der Otto Brenner Stiftung (OBS)  „Bild und Wulff – Ziemlich beste Partner“bereits akribisch und umfassend aufgedeckt worden, dass „Bild“ Wulff medial stark unterstützte. Mit einer Art von Berichterstattung, die laut Studie den Begriff Jubeljournalismus verdient. „Genau in der Zeit, in der Christian Wulff geschnorrt, möglicherweise das Parlament getäuscht und gegen das Ministergesetz verstoßen hat, hat ‚Bild‘ ihn in einer Endlosschleife als den wunderbarsten Menschen und erfolgreichsten Politiker gepriesen“, so die Autoren der Studie Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz. „Bild“ schwenkte erst zu einer Berichterstattung „contra Wulff“ um, als ihr aufgrund der Berichterstattung anderer etablierter Medien keine Wahl mehr blieb.

OBS-Studie: „Bild“ instrumentalisierte die Pressefreiheit

Die Autorn beklagen, dass Chefredakteur Kai Diekmann den hohen Wert der Pressefreiheit instrumentalisierte: „Die übliche Darstellung der Mailbox-Affäre als Angriff auf die Pressefreiheit ist oberflächlich und irreführend“, kritisierten sie. Die Studie zeigt die geschickte Inszenierung von „Bild“ mit einer glasklaren Scheindebatte: Denn faktisch war die Pressefreiheit der „Bild“ zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt.

Wie „Bild“ sich mit fremden Federn schmückt

Dass „Bild“ gerne Siege für sich in Anspruch nimmt, die ihr nicht gehören, zeigt eine aktuelle juristische Auseinandersetzung darüber, welches Medium relevante Tatsachen zur Wulff-Affäre zuerst recherchiert und veröffentlicht hat. „Bild“ musste dabei zuletzt empfindliche Niederlagen vor Gericht hinnehmen. Das Berliner Landgericht gab dem Kläger gegen die „Bild“ in seinen Urteilen vom 17. April 2012 und vom 29. März 2012 recht: „Bild“ hatte zu Unrecht behauptet, Details der Wulff-Affäre aufgedeckt zu haben. Der Streit war zwischen dem in die Affäre verstrickten Film-Finanzier David Groenewold und der „Bild“ ausgebrochen. Konkret ging es dabei um zwei Sylt-Aufenthalte Christian Wulffs. „Bild“ hatte am 18. Februar 2012 unter dem Titel „So deckte Bild die Wulff-Affäre auf“geschrieben: “Bild enthüllt: Der Filmproduzent David Groenewold hat 2007 für Wulff einen Luxusurlaub im ‚Hotel Stadt Hamburg‘ auf Sylt gebucht und bezahlt.“ Das wollte Groenewold nicht hinnehmen und klagte auf Gegendarstellung und Unterlassung. Groenewold stützt sich dabei darauf, dass nicht „Bild“ die Geschichte aufgedeckt hat: Der NDR hatte bereits im Januar 2012 in der Sendung „Menschen und Schlagzeilen“ darüber berichtet. Das Berliner Landgericht bestätigte den „Bild“-Diebstahl in seinen Urteilen.

„Die Tatsache, dass dies alles auch nur die Chance hat, in die Nähe eines Henri-Nannen-Preises zu kommen, ist ein Alarmsignal“ (Frankfurter Rundschau)

Um nicht einseitig Kritik an „Bild“ zu üben, muss der eigentliche Tiefpunkt der ganzen Geschichte klar benannt werden: Sämtliche Medien und Leitmedien wie die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine – laut Studien aus der Journalistik leiten diese Medien übrigens vor allem Journalisten anderer Medien in Themenwahl und Tenor – beförderten die Scheindebatte. Sie erklärten auf Zuruf des vermeintlichen Opfers Kai Diekmann gleich die ganze Pressefreiheit in Deutschland für gefährdet. Das ist – wohlwollend formuliert – allerhöchstens eine richtige Schlussfolgerung auf falscher Grundlage. Oder mit den Worten der Frankfurter Rundschau: „Die Tatsache, dass dies alles auch nur die Chance hat, in die Nähe eines Henri-Nannen-Preises zu kommen, ist ein Alarmsignal.“

Armutszeugnis für die Recherche im deutschen Journalismus

Bereits die Tatsache, dass die „Rechercheleistung“ von „Bild“ durch die Jury des Nannen-Preises mit dem Vorrücken ins Finale honoriert wird, ist ein Armutszeugnis für den Recherchejournalismus in Deutschland. Sollte „Bild“ den Nannen-Preis tatsächlich gewinnen, wird das den Preis stark beschädigen – oder seine Bedeutung wandeln: Im letzten Jahr ging der „Henri“ für die beste Reportage, der Egon Erwin Kisch-Preis, den der „Stern“-Gründer Henri Nannen 1977 selbst ins Leben gerufen hatte, an den Spiegel-Redakteur René Pfister. Pfister erhielt ihn für seine Reportage „Am Stellpult“, die teilweise gar keine war. Will die Jury des „Henri“ die „Bild“-Autoren in diesem Jahr etwa für eine investigative Recherche adeln, die teilweise keine ist?

 

Und wer ist die Jury des Henri-Nannen-Preises 2012, die „Bild“ den Ritterschlag geben oder verweigern kann?

Peter-Matthias Gaede

Peter-Matthias Gaede

Chefredakteur GEO. 1978 Abschluss als Diplom-Sozialwirt, Universität Göttingen. 1979/80 Absolvent der G+J-Journalistenschule, Hamburg. 1980-83 Redakteur/Reporter der FR. Seit November 1983 bei GEO. Seit Juni 1994 an der Spitze des Magazins. Geb. 1951 in Selters.

Margot Klingsporn

Margot Klingsporn

Mitarbeit in den Redaktionen von stern, ZEITmagazin, bei Ulrich Mack und in der Verlagsleitung der ZEIT. 1979 Gründung und Leitung der Photo- und Presseagentur FOCUS.

Giovanni di Lorenzo

Giovanni di Lorenzo

Chefredakteur DIE ZEIT. 1979-82 Neue Presse, Hannover. Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule München. 1987-94 Innenpolitik Süddeutsche Zeitung, später Ressortleiter Reportage. 1999 Chefredakteur Der Tagesspiegel, seit 2004 DIE ZEIT. Geb. 1959 in Stockholm.

Helmut Markwort

Helmut Markwort

Herausgeber FOCUS. Seit 1991 Vorstandsmitglied der Hubert Burda Medien Holding, von 1993 bis 2010 Chefredakteur und Geschäftsführer von FOCUS. Seit 2001 Aufsichtsratsvorsitzender Tomorrow Focus AG. Seit 2004 Herausgeber des FOCUS sowie Leiter der Verlagsgruppe „Milchstraße“. Geb. 1936 in Darmstadt.

Georg Mascolo

Georg Mascolo

Chefredakteur DER SPIEGEL. Seit 1988 bei der SPIEGEL-Gruppe, zuerst bei SPIEGEL TV. 1992 Wechsel zum SPIEGEL, 2004 als politischer Korrespondent in Washington. Ab Juli 2007 Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros in Berlin. Geb. 1964 in Stadthagen.

Nils Minkmar

Ab Januar 2012 Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2001 Wechsel zur FAS. Davor Redakteur des ZDF, Autor für SZ und GEO, Redakteur der „Zeit“. Studium der Neuen Geschichte und Promotion. Geboren 1966 in Saarbrücken.

Felix E. Müller

Chefredakteur der NZZ am Sonntag. Von 1997- 2002 bei der Neuen Zürcher Zeitung. Davor Redakteur der Weltwoche, USA-Korrespondent in Washington, Chefredakteur der Weltwoche. Studium der Germanistik und Promotion. Geboren 1951 in Winterthur.

James Nachtwey

James Nachtwey

US-amerikanischer Dokumentarfotograf, Kriegsberichterstatter, Fotojournalist. Er zählt zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen Reportagefotografie, insbesondere der Kriegsfotografie.

Thomas Osterkorn

Thomas Osterkorn

Chefredakteur stern. 1975-79 Lokalchef Landeszeitung für die Lüneburger Heide. 1979-86 Polizeireporter Hamburger Abendblatt, nebenbei Jurastudium. Ab 1986 Redakteur beim stern, 1989 Ressortleiter, 1996 Geschäftsführender Redakteur. Seit 1999 Chefredakteur des Blattes. Geb. 1953 in Linz .

JanEricPeters

Jan-Eric Peters

Chefredakteur der Welt-Gruppe. Zwischen 1990 und 2007 Ressortleiter Münchner Abendzeitung, stellv. Chefredakteur Hamburger Morgenpost, Chefredakteur Max und Max-Online; Welt und Berliner Morgenpost. Gründungs-CR Welt Kompakt. 2007-10 Gründungsdirektor der Axel Springer Akademie. Seit 2010 Chefredakteur der Welt-Gruppe. Geb. 1965 in Berlin.

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Ines Pohl

Chefredakteurin taz. Arbeitete als freie Journalistin für Radiosender und Regionalzeitungen. Volontariat bei der Hessischen und Niedersächsischen Allgemeinen. Später Ressortleiterin Politik. 2008 als Korrespondentin der Mediengruppe Ippen in Berlin. Seit 2009 Chefredakteurin der taz. Geb. 1967 in Mutlangen.

Richard David Precht

Autor und Essayist. Honorarprofessor in Lüneburg, Fellow bei der Chicago Tribune und am Europäischen Journalistenkolleg. Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Essayist mehrerer deutscher Zeitungen und Zeitschriften.

Ulrich Reitz

Chefredakteur Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Studierte Politik und Germanistik. Begann seine Karriere bei Die Welt, ab 1992 Leiter des FOCUS-Redaktionsbüros in Bonn. Ab 1997 Chefredakteur der Rheinischen Post, seit 2005 der WAZ. Geb. 1960 in Mönchengladbach.

Anja Reschke

Autorin und Moderatorin des Fernsehmagazins Panorama. Außerdem arbeitet sie als Reporterin für Panorama- die Reporter und moderiert das Medienmagazin Zapp. 1998 Volontariat beim NDR. Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Sozialpsychologie. Geboren 1972 in München.

Gerhard Steidl

Verleger, Inhaber des Steidl Verlags und Druckerei (u.a. bekannt für das größte Buchprogramm zeitgenössischer Fotografie). Verleger der Bücher des Schriftstellers Günther Grass. Geb. 1950 in Göttingen.

Und wer sind die Nominierten beim Henri-Nannen-Preis 2012?

Kategorie Reportage / Egon Erwin Kisch-Preis:
Beate Lakotta: „Ich wollte nur überleben“, Spiegel
Stefan Willeke: „Der letzte Saurier“, Zeit
Jennifer Wilton: „Frau Zimmermann zieht um“, Welt am Sonntag

Kategorie Essay:
Niklas Maak: „Architekten, auf die Barrikaden!“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Miriam Meckel, „Weltkurzsichtigkeit“, Spiegel
Undine Zimmer: „Meine Hartz IV Familie“, Zeit Magazin

Kategorie Dokumentation:
Ferry Batzoglou; Manfred Ertel, Ullrich Fichtner, Hauke Goos, Ralf Hoppe, Thomas Hüetlin, Guido Mingels, Christian Reiermann, Cordt Schnibben, Christoph Schult, Thomas Schulz, Alexander Smoltczyk: „Eine Bombenidee“, Spiegel
Christoph Kucklick: „Gute Lehrer“, GEO
Wolfgang Uchatius: „Die Riester Bombe“, Zeit

Kategorie Investigation:
Nikolaus Harbusch, Martin Heidemanns: „Wirbel um Privat-Kredit – Hat Wulf das Parlament getäuscht?“, Bild
Hans Leyendecker, Klaus Ott, Nicolas Richter: „Die Formel 1-Affäre“, Süddeutsche Zeitung
Holger Stark, Thomas Wiegold: „Leos für die Saudis / Merkels Geheimnis“, Spiegel

Kategorie Fotoreportage:
Dmitrij Leltschuk: „Die Strandburg“, mare
Kai Löffelbein: „Unser Müll in Afrika“, stern.de
Moises Saman: „Das große Wahltheater“, stern

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