Fotos für die Pressefreiheit 2012: Jasmin Tabatabai und Michael Christopher Brown präsentierten in Berlin Bilder, die unter die Haut gehen

Fotos für die Pressefreiheit 2012: Jasmin Tabatabai und Michael Christopher Brown präsentierten in Berlin Bilder, die unter die Haut gehen

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich die vollen Auswirkungen von Libyen auf mich abschätzen kann – vielleicht kommen später noch Folgen“, sagte Fotojournalist Brown, der zwei seiner Kollegen in Misrata sterben sah.

Am heutigen internationalen Tag der Pressefreiheit präsentierten Reporter ohne Grenzen (ROG) die „Fotos für die Pressefreiheit 2012„. Auszüge sind in diesem Artikel zu sehen. Zu Gast im Veranstaltungssaal eines Kulturkaufhauses in Berlin Mitte war der US-amerikanische Fotoreporter  Michael Christopher Brown, der Kämpfe in Libyen dokumentierte und einen Angriff überlebte, bei dem seine Kollegen Tim Hetherington (Restrepo) und Chris Handros (New York Times, Washington Post) starben. Jasmin Tabatabai, Schauspielerin, Musikerin und Autorin mit deutsch-iranischen Wurzeln, las zu den „Fotos für die Pressefreiheit“ Auszüge aus Browns Kriegstagebuch. „Pressefreiheit ist immer ein Gradmesser für die Freiheit der Bevölkerung und der Künstler in einem Land“, antwortete Tabatabai auf die Frage von Moderatorin und ROG-Vorstand Gemma Pörzgen, was Pressefreiheit für Sie bedeute.
Michael Christopher Brown, Fotojournalist

Michael Christopher Brown (l), Fotojournalist, mit seiner Übersetzerin. Foto: Lebendig Media

„Unter Einsatz des Lebens“ ist die von den Reportern ohne Grenzen gewählte Überschrift zu Browns  Fotostrecke. Warum begiebt man sich freiwillig in ein Kriegsgebiet und riskiert sein Leben? „Ich wollte es mit meinen eigenen Augen sehen“, erklärte Brown den etwa hundert interessierten Besuchern, während im Hintergrund auf einer Leinwand die „Fotos für die Pressefreiheit 2012“ in einer Endlosschleife dahinnflimmerten. Brown fotografierte mit seiner Kamera bereits für Time, Newsweek, Geo, The New York Times und ist seit 2005 bei National Geographic. Doch die Fotos aus Libyen machte Brown nicht mit professionellem Gerät, bei der Einreise nach Libyen war seine Kamera kaputt gegangen. Also fotografierte er mit Hipstamatic auf seinem iPhone. Zuerst ärgerte Brown sich über den Verlust seiner Kamera. Dann erkannte er die Vorteile: „Ich wurde nicht mehr als Fotograf wahrgenommen, ich war freier“, berichtete Brown, „was mir eine besondere Inspiration gab.“ Und auch ein weiteres Problem sah Brown als Vorteil. „Oft habe ich gar nicht gesehen, was ich fotografiert habe. Die Wüste ist sehr hell – man kann das Display nicht erkennen“, so Brown. Das sei hilfreich gewesen, da er sich weder mit der Fototechnik seines iPhones noch mit der Technick einer professionellen Kamera aufhielt. „Du denkst nicht mehr so viel darüber nach, wie du etwas fotografierst, sondern was und warum“, beschrieb Brown. Ein Smartphone reicht als Waffe aus, um Öffentlichkeit herzustellen.

„On Journalism: Follow your instinct, be curious and keep looking!“

Es gibt – zum Glück – Fotojournalisten, die gar nicht anders können als direkt in die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt zu reisen und sich uns – dem Publikum – als Augen und Ohren zur Verfügung zu stellen. Das wurde bereits mit dem ersten Blick und den ersten Worten Browns deutlich. Sie sehen hin, damit wir erkennen können und hören zu, damit wir verstehen können. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich die vollen Auswirkungen von Libyen auf mich abschätzen kann – vielleicht kommen später noch Folgen“, antwortete Brown auf die Frage eines Psychiaters aus dem Publikum, der sich für Browns Seelenleben und die Folgen seines traumatischen Erlebnisses, eigene Kollegen sterben zu sehen, interessierte. „Ja, natürlich sind wir Risiken eingegangen, man kann seinen Emotionen nicht entfliehen“, sagte Brown. In Libyen gab es keine „eingebetteten Journalisten“, die professionelle Kampftruppen begleiteten. Fotografen und Journalisten waren auf sich allein gestellt, „wir arbeiteten eng zusammen, ich lernte viel von den Erfahrenen“, so Brown. Was er Journalisten mit auf den Weg geben würde? „On Journalism: Follow your instinct, be curious and keep looking!“
Gemma Pörzgen betonte, dass die Erlöse aus dem Fotoband „Fotos für die Pressefreiheit“ für die Reporter ohne Grenzen wichtig seien, um ihre Arbeit zu finanzieren – dazu gehört auch die Unterstützung von Journalisten nach traumatischen Ereignissen (Fotos für die Pressefreiheit bestellen).
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Junge Kämpfer lernen wie man Flugabwehrgeschosse reinigt. Michael Christopher Brown fotografierte die Szene mit dem Handy, nachdem seine Kamera kaputt ging. Foto: Michael Christopher Brown

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Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft: Nach den Jubelfeiern auf dem Tahrir-Platz in Kairo steigt eine junge Ägypterin von einem Panzer. Foto: Julian Daniel / MYOP, aus dem Fotobuch „Revolution“

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Jubel über das Ende der Diktatur: Auf dem Tahrir-Platz in Kairo feiern die Menschen den Rücktritt von Hosni Mubarak. Foto: Julian Daniel / MYOP, aus dem Fotobuch „Revolution“

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Öl-Reichtum und bittere Armut liegen im Südsudan dicht beieinander: Ein junger Dinka hütet in der Steppe seine Herde. Foto: Francesco Zizola/ NOOR/ laif

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Ai Weiwei als erzürnte buddhistische Gottheit: Der Künstler Tin-Kin Hung übersetzt die Geheimcodes in Bilder, mit denen chinesische Blogger die Zensur umgehen. Bild: Kenneth Tin-Kin Hung

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Pompös inszenierte Diktatur: Vor dem hell erleuchteten Panorama-Museum in Damaskus ehrt eine Statue den Vater des Präsidenten Baschar al-Assad. Foto: Simon Norfolk/ INSTITUTE

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Ein Junge aus Fukushima erwacht in einer Notunterkunft. Über 80.000 Menschen verloren durch den Reaktorunfall ihr Heim. Foto: Dominic Nahr / Magnum/ Ag. Focus

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Fotografische Langzeitbeobachtung: Ein Nachtwächter auf einsamem Posten im ärmsten Viertel Budapests. Foto: Tamas Dezso

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Ein neuer Blick auf das Land: In Sidi Bouzid beklebte der Künstler JR ausgebrannte Polizeiautos mit Fotos von Tunesiern – ohne Auftrag und ohne Genehmigung. Foto: JR

Fotos für die Pressefreiheit 2012: Michael Christopher Brown für Libyen, Julian Daniel, Guillaume Binet und Lionel Charrier für Ägypten, Francesco Zizola für den Südsudan, Kenneth Tin-Kin Hung für China, Simon Norfolk für Syrien, Dominic Nahr für Japan, Tamas Dezso für Ungarn, JR für Tunesien, James Hill, Mitja Aleschkowski und Michail Metzel für Russland, Tawakkul Karman, Espen Rasmussen und Ahmad Gharabli für den Jemen, Elza Fiuza und Ali Mohammandi für Iran, James Hill und Turchan Karimow für Aserbaidschan, Mustafa Ozer,  Osmal Orsal, Ahmet Sik, Nedim Sener und Ozan Güzelce für die Türkei, Pascal Le Segretain und Michail Klimentiew für Usbekistan, Eduardo Verdugo für Honduras, Finbarr O’Reilly für Afghanistan, Angelos Tzotzinis für Grichenland

Über den Autoren Björn Bendig

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