Henri Nannen Preis 2014: Impressionen, Interviews und alle Fakten!

Henri Nannen Preis 2014: Impressionen, Interviews und alle Fakten!

Der Henri Nannen Preis 2014 geht an: Reportage: Özlem Gezer (DER SPIEGEL), Dokumentation: Malte Henk (GEO), Investigation: Jacob Appelbaum, Nikolaus Blome, Hubert Gude, Ralf Neukirch, Rene Pfister, Laura Poitras, Marcel Rosenbach, Jörg Schindler, Gregor Peter Schmitz, Holger Stark (DER SPIEGEL), Essay: Wolfgang Uchatius (DIE ZEIT), Foto-Reportage: Moises Saman (SZ-Magazin).

Weitere Preisträger: Der Publizist und Politologe Alfred Grosser erhält den Preis für sein publizistisches und journalistisches Lebenswerk. Den Preis für Verdienste um die Pressefreiheit erhält die US-Journalistin Laura Poitras.

Letztes Wochenende haben der Verlag Grüner + Jahr und der STERN zum zehnten Mal den Henri Nannen Preis vergeben. Der Preis zeichnet die Bestleistungen im deutschsprachigen Print- und Onlinejournalismus aus. Die Preisträger wurden im Rahmen einer festlichen Verleihung auf Kampnagel in Hamburg vor rund 1.200 prominenten Gästen aus Medien, Kultur, Politik und Wirtschaft geehrt.

Interviews, Eindrücke, Flurfunk

Der Henri Nannen Preis für die beste Reportage geht an Özlem Gezer für „Gurlitt – Die Liebe seines Lebens“. Die junge SPIEGEL-Redakteurin war die einzige Journalistin, der Cornelius Gurlitt Einblick in sein Leben gewährte. Mit ihrem großartigen Psychogramm des Münchner Kunstsammlers ist Gezer ein Meisterstück gelungen, einfühlsam beobachtet, präzise und wertfrei formuliert.

In der Kategorie Dokumentation geht der Henri Nannen Preis an Malte Henk für „Nennt uns bloß nicht Helden“. Sein in GEO veröffentlichtes Portrait des Internationalen Roten Kreuzes lebt vor allem davon, dass der Autor der Organisation so nah gekommen ist wie kaum ein Journalist zuvor. Der Leser erhält einmalige Einblicke in eine hoch angesehene Institution zwischen Heldenmut und Selbstzweifeln.

Der Henri Nannen Preis für die beste investigative Leistung geht an Jacob Appelbaum, Nikolaus Blome, Hubert Gude, Ralf Neukirch, Rene Pfister, Laura Poitras, Marcel Rosenbach, Jörg Schindler, Gregor Peter Schmitz und Holger Stark vom SPIEGEL für die Beiträge „Kanzler-Handy im US-Visier?“/„Der unheimliche Freund“. Erst ihre Recherchen verwandelten ein paar Zahlencodes in einem NSA-Dokument in eine politische Bombe. Keine andere Enthüllung der jüngsten Zeit hat das deutsch-amerikanische Verhältnis derart erschüttert. Die Jury würdigt damit eine investigative Leistung von weltpolitischer Dimension.

Wolfgang Uchatius, der Preisträger in der Kategorie Essay, untermauert in „Soll ich wählen oder shoppen?“ mit bestechender Argumentationslogik seine These, heutzutage habe nicht der Wähler, sondern der Konsument mehr politische Macht. Die Jury würdigt damit einen Essay, an dessen Ende auch Skeptiker verblüfft feststellen können, dass sie die kühne These des Autors durchaus plausibel finden.

Der Henri Nannen Preis in der Kategorie Foto-Reportage geht an Moises Saman und seine Fotoreportage „Im Reich des Todes“ über Folterlager im Sinai, veröffentlicht im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Moises Saman gelingt es, mit seinen intensiven Nahaufnahmen den Menschen auch dann ihre Würde zu lassen, wenn es um Erniedrigung, Verzweiflung und Folter geht. Die Jury sagte „Dem Mut des Fotoreporters haben wir es zu verdanken, Bilder aus einer Welt zu sehen, die uns bisher verborgen geblieben ist. Solche Bilder zu veröffentlichen, muss den Medien eine Notwendigkeit sein – sie auszuzeichnen, ist der Jury des Henri Nannen Preises eine Ehre.“

Der Lebenswerkpreisträger ist Alfred Grosser, der französische Politologe und Publizist. Grosser engagiert sich seit Jahren in großem Umfang für die deutsch­französische Verständigung. Er schrieb und veröffentlichte unzählige Artikel sowie mehr als 30 Bücher.

Alfred Grosser wurde am 1. Februar 1925 in Frankfurt am Main geboren. 1933 sah sich seine Familie gezwungen, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach Frankreich zu emigrieren. 1937 wurde Alfred Grosser französischer Staatsbürger und brach zehn Jahre später auf, um das zerstörte Deutschland zu besuchen. Für französische Zeitungen und Zeitschriften berichtete er aus seinem Geburtsland. Grosser studierte Germanistik und Politikwissenschaften in Aix-en-Provence und Paris. 1951 begann er als Assistent für Germanistik an der Sorbonne in Paris und wechselte 1953 als Lehrbeauftragter ans Institut d’etudes politiques. Bereits drei Jahre später wurde Grosser dort und an der Fondation Nationale des Sciences Politique in Paris als Professor tätig. Es folgten Gastprofessuren an den Universitäten Stanford (USA), John Hopkins (USA), Peking, Tokio und Singapur.

Alfred Grosser war quasi das Gesicht der deutsch-französische Verständigung im deutschen Fernsehen, vor allem als Dauergast in der sonntäglichen Sendung „Internationaler Frühschoppen“. Grosser ist Prof. em. am Institut d’etudes politiques in Paris und Präsident des CIRAC (Centre d’information et de recherche sur l’Allemagne contemporaire). Er lebt in Paris.

STERN-Chefredakteur Dominik Wichmann: „In den Medien hat mit Sicherheit niemand anders so großen Anteil an der Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland wie Alfred Grosser. Wenn ein Krieg zwischen beiden Ländern bei allen Differenzen heute so unwahrscheinlich erscheint, dann deshalb, weil Menschen wie er dafür eingetreten sind. Kein Publizist hat sein Leben wohl mehr in den Dienst dieser Aufgabe gestellt als Alfred Grosser. Den Deutschen Frankreich näher zu bringen und den Franzosen Deutschland: Das war und ist seine Lebensaufgabe, als Professor und Hochschullehrer, als Autor zahlreicher Bücher, als Verfasser unzähliger Artikel in deutschen und französischen Zeitungen, als Debatten- und Festtagsredner. Und nie lässt sich Grosser dabei von irgendwem einspannen. Er ist stets Politologe und Publizist, der sein Publikum charmant zu provozieren versucht. Es geht ihm immer darum, Verständnis für den jeweils anderen zu wecken. Grosser verlangt Respekt für Menschen, die anders denken, anders aussehen, anders handeln als man selbst.

Für dieses lebenslange Engagement, sein Schreiben und Reden für die Verständigung erhält Alfred Grosser den Henri Nannen Preis 2014 für sein Lebenswerk.“

Preisträgerin für den besonderen Einsatz für die Pressefreiheit ist die US-Journalistin Laura Poitras. Die vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilmregisseurin und -produzentin beschäftigt sich seit Längerem mit der Arbeit der US-Geheimdienste. Als sich der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden an sie wandte, ging sie als erste seiner Geschichte nach. Sie war maßgeblich an der Erstveröffentlichung der NSA-Dokumente beteiligt.

Laura Poitras wurde 1964 in Boston, Massachusetts geboren und studierte am San Francisco Art Institute und der New School in New York. Seither hat sie fünf Filme gedreht, zuletzt „The Oath“ über den Guantanamo-Häftling Salim Hamdan. Poitras ist eine der Initiatoren der Freedom of the Press Foundation. Seit Februar 2014 ist sie gemeinsam mit Glenn Greenwald und Jeremy Scahill für das Medium „The Intercept“ tätig, das die drei gemeinsam gründeten.

STERN-Chefredakteur Dominik Wichmann: „Laura Poitras‘ journalistischer Arbeit ist es zu verdanken, dass die Öffentlichkeit von der massenhaften globalen Überwachung durch die NSA erfahren hat. Was man bislang in autoritären Regimen gesehen hat, verbreitet sich auch in der demokratischen Welt zunehmend: die Bereitschaft und der Wille, investigativen Journalismus zu stören. Wer als Journalist versucht, Fehlverhalten der Mächtigen aufzudecken, muss damit rechnen, an Grenzen festgehalten, verhört und ständig überwacht zu werden. Das Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten stufte auch Laura Poitras als „terrorverdächtig“ ein. Umso bewundernswerter sind das Engagement, die Hingabe und die fachliche Kompetenz, die sie in Kooperation mit Glenn Greenwald und den Kollegen vom Guardian bei der Enthüllung der NSA-Affäre aufbrachte. Für ihren selbstlosen Kampf um die Wahrheit und damit die Freiheit der Information und um die Pressefreiheit erhält sie den Henri Nannen Preis 2014.“

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