Interview: Kein Recht auf Autorisierung

Interview: Kein Recht auf Autorisierung

Von Björn Bendig:

Die New York Times hat ihren Journalisten verboten, Zitate nachträglich autorisieren zu lassen. Damit nimmt die Times in erfrischender Klarheit ihre Mitarbeiter in Schutz, die sich immer unverfroreneren Wünschen von professionellen Gesprächspartnern ausgesetzt sehen. In Deutschland macht sich ausgerechnet der SPIEGEL für das Gegenteil stark: Das bereitwillige Entgegenkommen selbst beim Autorisieren von Zitaten, das dazu führt, dass die wahren Absichten der Zitierten immer stärker hinter einer PR-Sprache vertuscht werden.

Journalistische Artikel als Werbefläche für PR-Botschaften

Gerade bei Interviews führt das häufig umfassende Überarbeiten der Antworten durch Pressestellen und PR-Profis zu blutleeren Beiträgen, bei denen jede Spitze fehlt. Die Praxis des Autorisierens führt aber nicht nur dazu, dass der Unterhaltungswert von Artikeln und Interviews sinkt. Sie ist auch dazu geeignet, die Freiheit der Presse einzuschränken. Redaktionelle Beiträge werden so zu Werbeflächen für PR-Botschaften. Hat der Zitierte die gewünschte Botschaft nicht untergebracht? Kein Problem. Sein Medienberater schreibt die Antworten im Zweifel einfach neu.

Deutscher Presserat: „Ein Wortlautinterview ist in jedem Fall korrekt“

Es gibt in Deutschland keinen rechtlichen Zwang zur Autorisierung von Interviews. Macht der Journalist zu Beginn eines Gesprächs deutlich, dass die Antworten zur Veröffentlichung bestimmt sind, und zeichnet er das Interview auf, um die Aussagen im Zweifel belegen zu können, ist der Journalist immer auf der sicheren Seite. Auf diese Weise kann das gesprochene Wort zuverlässig journalistisch genutzt werden – und behält seine Bedeutung in einer lebendigen Diskussionskultur.

Der SPIEGEL führt gerne an, dass Autorisierungen die Qualität sichern und Missverständnisse ausräumen. Doch das ist auch ohne einen Zwang zur Autorisierung zu leisten. Dass die Autorisierung von Interviews kein Qualitätsmerkmal journalistischer Beiträge ist, macht der Deutsche Presserat mit seiner veränderten Haltung zum Thema deutlich.

Der Presserat verlangt seit 2007 nicht mehr, Interviews müssten „vom Interviewten oder dessen Beauftragten autorisiert“ werden. Stattdessen heißt es aktuell in Richtlinie 2.4 des Presserats: „Ein Wortlautinterview ist auf jeden Fall journalistisch korrekt, wenn es das Gesagte richtig wiedergibt.“ An diesem wichtigen Punkt ändert sich das Selbstverständnis, das der Presserat den Journalisten empfiehlt, in die richtige Richtung: Eine klare Stärkung der journalistischen Professionalität gegenüber den Interessen von Politikern und Funktionären, die gern nachträglich glätten, was eine Journalistin oder ein Journalist aus ihnen herausgeholt hat.

„Texte werden oft bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt“, sagt Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalistenverbandes (DJV). In den Leitlinien des DJV heißt es deshalb: „Autorisierungen dienen der sachlichen Korrektheit, der Sinnwahrung und sprachlichen Klarheit. Änderungen müssen sich darauf beschränken.“

Links:

In New Policy, The Times Forbids After-the-Fact Quote Approval
By Margaret Sullivan. – New York Times, 20.09.2012
http://publiceditor.blogs.nytimes.com/2012/09/20/in-new-policy-the-times-forbids-after-the-fact-quote-approval/
New York Times bans reporters from agreeing to quote approval
By Tom McCarthy. – Guardian, 20.09.2012
http://www.guardian.co.uk/media/us-news-blog/2012/sep/20/new-york-times-bans-quote-approval

Aus Gerede Gedanken filtern
Von Thomas Tuma. – Spiegelblog, 04.10.2012
http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelblog/ein-plaedoyer-dafuer-interviews-autorisieren-zu-lassen-a-859433.html

 

Ähnliche Beiträge zum Thema:

  • Andererseits kann ich von einem klugen Gegenübermenschen ein noch viel klügeres und lebendigeres Gespräch dann erhalten, wenn ich ihm vorher sagen kann:
    1. Wir können lebhaft laut nachdenken;
    2. wir nehmen alles auf Tonband auf, tippen es ab, ich als Journalist picke die wesentlichen Punkte heraus, und Sie schauen dann nach, ob die Aussagen so richtig sind und Bestand haben können. Und wenn mir noch Fragen und Verdeutlichungen einfallen, rüsten wir auch die noch nach.

    Gemeint ist damit, daß Frager und Antwortet an einem Strang ziehen und ein gut lesbares Ergebnis haben wollen.
    Gemeint ist nicht, daß wir wie in einem Polizeiverhör den Befragten warnen müssen, jede Aussage könne später gegen ihn verwandt werden.

    Auf diese Weise wird im zweiten Schritt zwar vielleicht manches dann nicht mehr gebracht (schade drum), aber dafür kann ich als Journalist mir im ersten Schritt erhoffen, daß das Gespräch lebendiger und schneller wird, wenn der Antwortgeber nicht alles druckreif sondieren, sortieren und sieben muß und ich vor allem eingeübte Textbausteine erhalte.

    Zumal sich sicherlich ohnehin die Frage stellt, ob ein Interview zusammengefaßt und überarbeitet gehört – eher meine ich ja, denn die Leser könnten von ungeordneten Sprechsätzen gelangweilt werden und sich das Lesen abgewöhnen. In diesem Sinne dient die Überarbeitungskunst der Denk- und auch Lesekultur und somit der Aufklärung.

  • Ich stimme dem Beitrag zu. Journalisten mit Rückgrat sollten dem Autorisierungsunwesen entgegentreten, insbesondere wenn es sich um keine Interviews in Frage-Antwort-Form handelt und die Gesprächspartner daher keinen Anspruch auf Autorisierung haben. Zu viele Kollegen lassen sich leider dennoch darauf ein. Selbst wenn die Aussagen nicht nachträglich gravierend verändert und hingebogen werden, liest sich das Ergebnis zu oft wie ein dröger PR-Text. In einem solchen Schriftdeutsch spricht kein Mensch und das will auch keiner so lesen. Grund für den Wunsch nach Autorisierung ist häufig die Wichtigtuerei von Pressesprechern, die ihren Arbeitgebern damit ihre Existenzberechtigung demonstrieren wollen. Im Übrigen stellt diese Unsitte eine inakzeptable Benachteiligung von Print- und Online-Medien gegenüber dem Rundfunk dar. Denn bei Radio- und Fernsehinterviews können die Gesprächspartner hinterher auch nicht ihre Aussagen verändern. Dass andererseits Zitate korrekt wiedergegeben werden und nicht in eine gewünschte Richtung hinfrisiert werden, sollte zum selbstverständlichen Handwerkszeug seriöser Journalisten gehören.

  • Pingback: Frontal21: Autorisierung von Interviews gefährdet die Pressefreiheit Pressefreiheit in Deutschland()

  • Pingback: Studie: Wirtschaftsjournalismus an der kurzen Leine | Pressefreiheit in Deutschland()