Journalismus an der Armutsgrenze

Journalismus an der Armutsgrenze

Artikel für einen Minimumlohn schreiben. Stromlinienförmige Anpassung freier Journalisten an die jeweilige Redaktionslinie und Praktika als Formen der verschleierten Ausbeutung. Journalismus ist in Deutschland zu immer größeren Teilen ein prekärer Arbeitsbereich geworden, so Bundespräsident Joachim Gauck. Und ab einem gewissen Punkt gefährdet diese Entwicklung die Erfüllung der öffentlichen Aufgabe journalistischer Medien, ihre Informations-, Kritik- und Kontrollfunktion innerhalb einer Demokratie.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) warnt aktuell vor einer wachsenden Anzahl von Journalistinnen und Journalisten, die wegen der kurzsichtigen Sparpolitik der Medienunternehmen kaum mehr von ihrer Arbeit leben können. Betroffen sind vor allem, aber nicht nur, freie Journalistinnen und Journalisten. DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken befürchtet: „Vielen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland droht der soziale Abstieg.“
Medienhäuser reagieren nach Überzeugung Konkens auf geringere Einnahmen und hausgemachte Probleme mit Entlassung und immer niedrigerer Bezahlung der Journalisten unter Umgehung der verpflichtenden Vergütungsregeln – anstatt mit Innovationen und Investitionen in Qualität dem Trend entgegenzuhalten. „Darunter leiden zunächst vor allem die Journalisten. Langfristig sägen sich die Medienunternehmen aber den Ast ab, der sie trägt. Zudem verlieren die Bürgerinnen und Bürger als  Mediennutzer mit der zunehmenden Medienkonzentration das bislang breite Spektrum zur Meinungsbildung“, so Konken.

DJV: „Professioneller Journalismus ist ernsthaft gefährdet“

„Es ist wirklich an der Zeit, innovative Modelle zu entwickeln, sonst ist professioneller Journalismus in Deutschland langfristig ernsthaft gefährdet.“
Eine DJV-Umfrage unter freien Journalisten ergab bereits im Jahr 2008, dass 38,3 Prozent der freien hauptberuflichen Journalistinnen und Journalisten weniger als 1.000 Euro Einkommen haben, 30,7 Prozent zwischen 1000 und 2000 Euro. Die Einkommenssituation ist seither nicht besser geworden, vielmehr noch stärker unter Druck geraten.

Noch schwieriger gestaltet sich die Situation für Berufseinsteiger. Viele junge und gut ausgebildete Journalisten bekommen trotz ihres Hochschulabschlusses und zahlreicher Praktika keinen Job, von dem sie leben können. Die Symptome der Branche werden an Einzelfällen sichtbar: Spiegel Online berichtete in diesem Kontext von der Universitätsabsolventin Maximiliane Rüggeberg, der bei der Suche nach einem Volontariat der Kragen platze und ihrem Ärger in einem Blogbeitrag Luft machte. Unter dem Titel „Ausbeutungsmaschine Journalismus“ berichtete Rüggeberg von ihren kuriosen Erfahrungen bei der Jobsuche, über die Dreistigkeit von Medienhäusern, Dumpinglöhnen und massiven Leistungsdruck. „Macht den Mund auf!“, forderte sie am Ende ihres Blogbeitrags. „Gerade weil es ein Überangebot an Bewerbern gibt, dürfen wir nicht auf solche Angebote eingehen. Denn dann wird sich die Abwärtsspirale der Gehälter immer weiter drehen“, erklärt Rüggeberg.

Prof. Siegfried Weischenberg: Journalismus als coole Dienstleistung und verschleierte Ausbeutung

Über den Autoren Björn Bendig

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