Journalisten machen keine PR? Corporate Publishing und die Unabhängigkeit von Journalisten

Journalisten machen keine PR? Corporate Publishing und die Unabhängigkeit von Journalisten

Informanten-Interview: Eine Wirtschafts-Journalistin spricht Klartext zum Spannungsfeld von Corporate Publishing und der „Freiheit“ von freien Journalisten. Ein brisantes Thema innerhalb der Branche – deshalb möchte sie anonym bleiben.

Sie kritisieren die Arbeit im Corporate Publishing. Warum?
Corporate Publishing ist ein Verrat am Journalismus. Vor allem die Wirtschaftspresse ist mehr als alle anderen Branchen von Werbeanzeigen abhängig und man muss ganz stark darauf achten, dass man seine Anzeigenkunden nicht verschreckt. Als ich noch für ein Unternehmensmagazin geschrieben habe, versorgte mich der Ressortleiter mit Adressen von Unternehmensberatern und PR-Agenturen, bei denen ich recherchieren konnte, oder besser gesagt musste. Ich sage ‚muss‘, weil man nie die Zeit hatte, selber zu recherchieren. Man war auf diese ‚Vorrecherche‘ angewiesen.

Wie hoch war das Honorar für Ihre Arbeit im Corporate Publishing?
Deutlich höher. Angenommen, ich schreibe einen Artikel. Bei einer Tageszeitung bekomme ich dafür vielleicht 50 Euro, bei einem Magazin zahlen sie mir etwa 200 Euro. Verkaufe ich den Artikel aber an ein Corporate Publishing-Magazin, dann bekomme ich zwischen 600 und 900 Euro. Ich habe als Studentin bei den Beilagen rund 200 Euro pro Produktionstag bekommen. Beim Corporate Publishing etwa 300 Euro. Eine Produktion dauert in etwa drei Tage, und das macht sich natürlich finanziell bemerkbar. Ich gehe schließlich lieber mit 900 Euro nach Hause, als mit 600.

Inwieweit stellt Corporate Publishing eine Gefahr für den Journalismus dar?
Für den freien Journalisten ist Corporate Publishing eine Gefahr, weil man aus finanziellen Gründen dort hingedrängt wird. Es ist schwierig genug, sich als freier Journalist auf dem Markt durchzukämpfen und dann ist es natürlich einfacher, sein Geld mit Corporate Publishing zu verdienen.

Von netzwerk recherche stammt die Forderung „Journalisten machen keine PR“. Ist diese Forderung umsetzbar?
Ich wünschte, sie wäre es. Ich möchte das auch so umsetzen, das war auch von vorneherein ein Grundsatz für mich – aber da war eben der finanzielle Druck.

Was sollte sich ändern?
Mein Wunsch ist, dass meine Zeitungsbeiträge so gut bezahlt werden, wie in der Corporate Publishing-Branche.

Gab es während Ihrer Zeit beim Corporate Publishing-Magazin Grenzen, die Sie nicht überschritten hätten?
Ich hätte leider über alles geschrieben, die Bezahlung war einfach zu gut. Als feste Freie hat man eben keinen Anspruch auf Aufträge. Auch meine freien Kollegen sehen das ähnlich wie ich, weil fast alle in der gleichen finanziellen Situation sind.

War der finanzielle Aspekt der einzige Grund, warum Sie im Corporate Publishing-Bereich angefangen haben?
Für mich war die Bezahlung der einzige Grund. Mir war es immer wichtig, dass ich in meinem Lebenslauf ein paar aussagekräftige Stationen stehen habe. Als Journalist hat man nur seinen Namen, um sich auszuweisen – und den habe ich stets mit guten Marken verbunden. Dass ich zum Corporate Publishing übergegangen bin, hatte überhaupt nichts damit zu tun, dass mein Renommee steigt. Da ging es nur um Geld.

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen Sie zwischen Corporate Publishing und Journalismus?
Corporate Publishing klärt im Gegensatz zum Journalismus nicht auf, sondern hat letztendlich immer einen werblichen Hintergrund. Die Gemeinsamkeit ist, dass es sich um genau die gleiche Tätigkeit handelt. Die Arbeit ist genau die gleiche, aber die Bezahlung ist höher.

Wie strikt sind die Vorgaben im Corporate Publishing?
Die Texte müssen absolut journalistisch sein. Es ist das gleiche Handwerk, wie im Journalismus und das ist das Traurige an der Geschichte. Als Produzentin des Unternehmensmagazins habe ich viele Artikel von anderen Journalisten zu lesen be-kommen und die Texte sind viel besser, als in der Zeitung.
Außerdem durften in den großen Geschichten der Unternehmenszeitschrift die Na-men des Kunden und der Konkurrenten nicht auftauchen.

Worum ging es in Ihren Corporate Publishing-Artikeln?
Es waren keine kritischen Artikel. Die sind nicht erwünscht. Das wird aber nicht vorgegeben. Es findet vielmehr eine Selbstzensur statt, weil sonst niemand die Artikel kaufen würde. Und dann bekommt man bei diesen Kunden nie wieder einen Auftrag.

Die Bezahlung ist besser, man bekommt kaum Vorgaben im Corporate Publishing. Was hat Sie letztendlich an diesem Tätigkeitsfeld gestört?
Es ist kein freier Journalismus. Man schreibt im Corporate Publishing für einen Dienstleister und nicht für die Leser. Man prostituiert seine journalistischen Fähigkeiten für ein Unternehmen.

Sie haben gleichzeitig im Journalismus und für Unternehmenspublikationen geschrieben. Hatten Sie Schwierigkeiten, die beiden Bereiche zu trennen?
Selbst wenn es für meine journalistischen Tätigkeiten gut gewesen wäre, Material aus meiner Arbeit im Corporate Publishing zu verwenden: Ich habe das nie gemacht. Ich wollte die beiden Bereiche nicht vermischen.

Haben Sie sich in der Zeit mehr als PR-Fachfrau oder als Journalistin gesehen?
Ich sehe mich nach wie vor als Journalistin. Ich kenne die Instrumente der PR, aber ich bin Journalistin und das will ich auch bleiben. Bei vielen ernsthaften Zeitungen ist es auch so, dass sie einem nicht mehr vertrauen, wenn sie sehen, dass man zu viel Corporate Publishing gemacht hat.

Wie offen sind Sie denn mit Ihrer Tätigkeit im Corporate Publishing-Bereich umgegangen? Haben Sie gegenüber Auftraggebern verheimlicht, PR zu betreiben?
Verheimlicht nicht, aber wenn ich mich jetzt bei anderen Auftraggebern bewerbe, dann bringe ich meine Corporate Publishing-Texte nicht mit ein.

Was empfehlen Sie Nachwuchsjournalisten, die den Willen haben, rein journalistisch zu arbeiten?
In den Hochschulen wird meistens das Fach Medienethik gelehrt. Auch wenn es während des Studiums vielleicht noch nicht wichtig erscheint, sollte man sich das wirklich verinnerlichen. Corporate Publishing ist eine Art Mogelpackung: Man nutzt zwar die gleichen Instrumente, wie beim Journalismus und es ist das gleiche Handwerk, aber es entspricht nicht dem, was Journalismus eigentlich sein sollte. Der Begriff von der Vierten Gewalt wird leider oft belächelt. Das finde ich schade.

Trotz Ihrer starken Vorbehalte haben Sie einige Zeit für Corporate Publishing Magazine geschrieben. Wie kam es dazu?
Ich habe bereits als studentische Aushilfe bei einem Verlag Meldungen verfasst und Texte für Beilagen geschrieben. Später habe ich bei den Beilagen einer Zeitung als Produzentin gearbeitet. Dann erhielt ich ein Angebot von einer Corporate Publishing-Redaktion. Die brauchten gerade jemanden, der die Kundenzeitschrift eines Unternehmens produzierte. Sie haben mich quasi abgeworben.

Was für Konsequenzen hätte es für Sie gehabt, wenn Sie abgelehnt hätten?
Mein Verlag hat mich nicht dazu gedrängt, Corporate Publishing zu machen. Es gibt genügend Leute, die das machen wollen, weil es dort einfach mehr Geld zu verdienen gibt.

Das Interview führte Björn Bendig

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  • Bernd

    Mich würde interessieren, ob diese Gefahr für freie Journalisten von allen Firmen der CP Branche ausgeht, oder ob es Ausnahmen gibt. Eine Bekannte von mir arbeitet beispielsweise für „Huffmann-Business“. Sollte diese Firma auch gegen die Grundsätze der Medienethik verstoßen, würde ich sie gerne darauf ansprechen. Vielen Dank für die interessante Sichtweise!
    Viele Grüße Bernd

  • Pressefreiheit

    @Bernd: Wer will beurteilen, ob dies für alle oder die meisten Firmen der CP-Branche gilt? Gehen Sie umgekehrt vor: Erkundigen Sie sich bei Ihrer Bekannten doch mal nach ihrem Arbeitsalltag und ihren Arbeitsweisen.
    LG aus Berlin

  • Pingback: Das Crowdfunding ist kaputt! | Pressefreiheit in Deutschland()