Mascolo: „Lassen Sie uns über Glaubwürdigkeit sprechen!“

Mascolo: „Lassen Sie uns über Glaubwürdigkeit sprechen!“

Von Björn Bendig

Georg Mascolo, ehemaliger Chefredakteur des Spiegel und aktueller Chef des neu geschaffen Rechercheverbundes von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, forderte seine Berufskollegen dazu auf, Glaubwürdigkeit neu zu denken. Der Journalismus in Deutschland befinde sich nicht nur in einer ökonomischen Krise, sondern auch in einer Krise mit dem Publikum.

Mit Blick auf das Brandenburger Tor lauschten hochrangige Medienvertreter Mascolos Ausführungen in der Akademie der Künste. Anlass war die Verleihung des renommierten Berliner Journalistenpreises „Der lange Atem„, mit dem zum achten Mal herausragende journalistische Leistungen auszeichnet wurden.

Mehr Glaubwürdigkeit wagen!

In den letzten Jahren sind die Anforderungen im Journalismus stark gestiegen. Leser interagieren mit den journalistischen Texten, Bildern, Videos. Und selbst wenn beispielsweise Spiegel Online mal wieder die Kommentarfunktion eines Artikels sperrt, finden die Leser in Kommentarspalten der sozialen Netzwerke Platz, um ihre Meinung zum Thema zu äußern. Und noch schmerzhafter als zugespitzte Leserkommentare sind grobe handwerkliche Fehler wie falsche Tatsachenbehauptungen oder einseitige Recherchen, die durch Leser aufgedeckt werden. Mascolo geht noch einen Schritt weiter und forderte: „Wir müssen unsere Fehler selbst öffentlich machen und korrigieren.“ Selbst wenn auf diese Fehler nicht von Dritten hingewiesen wurde, so Mascolo, „und wir müssen auch mitteilen, wenn wir etwas nicht genau wissen oder einordnen können. Das muss das Publikum aushalten können.“ Auf diese Weise schaffe man Vertrauen.

Wie drastisch es um die Glaubwürdigkeit der Etablierten Medien bestellt ist, zeigen nicht nur Blogbeiträge, Posts und Kommentare zum Thema. Spätestens wenn Bücher, die sich vornehmlich mit Medien und ihrer Glaubwürdigkeit befassen, in den Bestsellerlisten aufschlagen, muss die Branche reagieren. Hier geht es nicht um einige „überkritische“ Rezipienten, die nicht zufriedengestellt werden können. Sondern um einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, der den Etablierten weitere Quoten, Klicks, Leser und damit Geld kosten wird, – bis das Thema endlich von den Medienhäusern ernst genommen und mit einer Qualitätsoffensive reagiert wird.

„Angesichts der Häufung dieser Falschmeldungen ist zweifelsohne von einer zielgerichteten Manipulation des Beitragszahlers auszugehen.“

Explizit ging Mascolo auf die sehr starke Zunahme von Programmbeschwerden gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein. Insbesondere, seit sich ein Verein gegründet hat, der dieses Mittel ausgiebig nutzt. Die „Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien“, Vorstandsvorsitzende ist Maren Müller, deren Petition gegen Markus Lanz Anfang des Jahres gewaltige Aufmerksamkeit erregte.

Nun hagelt es Beschwerdetexte des Vereins, insbesondere über die Ukraine-Berichterstattung, die im Netz ausgiebig dokumentiert werden. Jede ungenaue, ungeschickte oder umstrittene Formulierung in einem Nachrichtenbeitrag kann Anlass für eine ausführliche Korrespondenz mit dem Verein sein. Dass es sich um Versehen handeln könnte, erscheint den Beschwerdeführern längst nicht mehr plausibel: „Angesichts der Häufung dieser Falschmeldungen ist zweifelsohne von einer zielgerichteten Manipulation des Beitragszahlers auszugehen“, so das Fazit der ständigen Publikumskonferenz. „So weit würde ich nicht gehen“, relativierte Mascolo. Er glaube nicht an „gesteuerte Medien“, die ihr Publikum „zielgerichtet manipulieren“. Dennoch müssen sich Medienhäuser dieser Kritik stellen.

„Nicht jeder Kritiker ist ein Verschwörungstheorethiker“

Kritik an der Glaubwürdigkeit von Journalisten habe es auch früher gegeben, „doch nie war sie so direkt spürbar wie heute“, erklärte Chefrechercheur Mascolo. Er warnte vor Überheblichkeit und einen zu großen Graben zwischen Journalisten und ihrem Publikum. „Nicht jeder Kritiker ist ein Verschwörungstheorethiker“, konstatierte Mascolo, und machte damit auf eine unliebsame Entwicklung in den Mainstreammedien aufmerksam. Zu häufig werden kritische Leser, Künstler, Musiker, Schriftsteller und auch Journalisten mit dem Schlagwort „Verschwörungstheoretiker“ von Leit- und Boulevardmedien stigmatisiert. Und fertig. Doch dieser Umgang mit Kritikern greift zu kurz und führt letztlich zu Nachteilen für diese Medien. Gesprächsbereite Journalisten, Kontakt auf Augenhöhe mit Kritikern und Debatten, in denen jedes relevante Argument auch zugelassen wird – selbst wenn es zunächst schmerzt. Das sind Merkmale einer Medienkommunikation, die Vertrauen schafft.

Medien als Kriegstreiber, Propagandamaschinen und Skandalprofiteure? „Volle Ladung Hass“ von Professor Bernhard Pörksen

Dann zitierte Mascolo den renommierten Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen, der jüngst in der „Zeit“ die These aufstellte, dass sich Medienskepsis in Hass verwandelt habe:

„Die Mehrheit der Deutschen hält Journalisten für unmoralisch, rücksichtslos, manipulativ, bestechlich und für deutlich zu mächtig, so der bereits im Jahre 2009 veröffentlichte Befund eines Forscherteams um den Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach. Donsbach hat die bislang einzige umfassende Untersuchung zur Medienverdrossenheit in deutscher Sprache vorgelegt, aber andere, aktuellere Befragungen zum Ansehen und zur Glaubwürdigkeit der Branche offenbaren ein ähnlich desaströses Bild. Was ist der Grund? Die Antwort: Es gibt ihn nicht, diesen einen Grund. Medien- und Fälschungsaffären, die Boulevardisierung der Berichterstattung, der Negativismus der Nachrichten, der Einfluss von PR-Agenturen und Lobbyorganisationen – all die angeblichen oder tatsächlichen Grenzüberschreitungen und Verfehlungen munitionieren den großen Verdacht.“

 Absolut unverdächtig dagegen waren die anwesenden Nominierten für den Journalistenpreis „Der lange Atem“, die hervorragende journalistische Arbeit unter Druck – und mit der nötigen Portion an Beharrlichkeit – geleistet haben. Ihre Geschichten sind einen weiteren Artikel wert. Solche Leistungen seien dazu geeignet, Vertrauen zu schaffen, konstatierte Mascolo. „Seien Sie stolz darauf. – Ich bin es!“

Georg Mascolo über die Rolle von Journalisten

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