Die Angst schreibt mit: weniger Vielfalt, mehr versteckte Werbung

Die Angst schreibt mit: weniger Vielfalt, mehr versteckte Werbung

Den Einsparungen in vielen Redaktionen stehen Unternehmen und PR-Agenturen gegenüber, die ihre Inhalte gezielt in den Medien unterzubringen versuchen. In den Regionalzeitungen etwa steigt der Anteil der Texte, die gebrauchsfertig von Agenturen oder Pressestellen geliefert werden. Oft werden kommerzielle Inhalte dabei bewusst nicht als Werbung gekennzeichnet, sondern als journalistische Beiträge getarnt oder mit diesen vermischt, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. So berichtete die Programmzeitschrift rtv, die vielen Tageszeitungen beiliegt, wiederholt über Gesundheitsthemen – und wies dabei auf jeweils genau ein Markenprodukt hin, das Linderung verspreche. Das Geschäftsreisemagazin Business Traveller machte mehrfach genau die Touristik-Konzepte zu Themen ihrer Artikel, die im gleichen Heft auch in Form von Werbeanzeigen auftauchten – in einem Fall sogar mit dem Werbegesicht der Anzeige als Zitatgeberin im Artikel.

Kritik erntete im Juni 2013 das Nachrichtenportal Focus Online, weil es den Inhaber einer PR-Agentur als Kolumnist zu Wort kommen ließ. Der Werbemann nutzte dieses Podium, um seine Kunden lobend zu erwähnen. Die Frauenzeitschrift Grazia ließ den Fußballtrainer Jürgen Klopp im Interview die Vorzüge eines Autos preisen, für dessen Hersteller er als Werbeträger unter Vertrag steht.

Aus der Studie: Gefahren für die Innere Pressefreiheit 2013


Aus der Studie: Gefahren für die Innere Pressefreiheit 2013

Copy-Paste Journalismus statt Recherche

In Anbetracht der wirtschaftlichen Krise im Journalismus sind solche PR-Strategien ausgesprochen erfolgversprechend, denn Redakteure haben immer weniger Zeit, zu recherchieren und Informationen zu prüfen. Sie sind auf vorproduzierte Inhalte angewiesen, die möglichst wenig kosten. PR-Material und versteckte Werbebotschaften kommen als angebliche Tests oder Lieblingsprodukte der Redaktion daher, in Form bezahlter Artikel oder gar ganzer Magazine, die Unternehmen herausgeben, die der Leser aber für journalistische Produkte hält.


Aus der Studie: Gefahren für die Innere Pressefreiheit 2013


Aus der Studie: Gefahren für die Innere Pressefreiheit 2013

Reporterpools und Newsdesks ersetzen Vollredaktionen

Die Entwicklung dauert seit Jahren an: Die Zahl von Zeitungen mit eigener Vollredaktion hat weiter abgenommen; stattdessen liefern Reporterpools und zentrale Newsdesks gleiche Inhalte an verschiedene Zeitungen. Konkurrierende Printmedien sind in den meisten Regionen inzwischen rar. Zunehmend kommt es zu redaktionellen Kooperationen zwischen unterschiedlichen Medienhäusern, von denen teils sogar die Mantelteile der jeweiligen Zeitungen betroffen sind.

Ein besonders drastisches Beispiel ist die Westfälische Rundschau (WR), die seit Februar 2013 ohne eigene Redaktion erscheint – ein Novum in Deutschland. Im Januar hatte die WAZ Mediengruppe (inzwischen Funke Mediengruppe) die Dortmunder Hauptredaktion wie auch die Lokalredaktionen des Blattes aufgegeben. Der Hauptteil der Zeitung wird seitdem praktisch vollständig von der Westdeutschen Aligemeinen Zeitung (WAZ) übernommen; die Lokalteile liefern die Schwesterzeitung Westfalenpost oder örtliche Konkurrenten zu. Im Oktober gab die Funke Mediengruppe weitere Einsparungen bekannt: In Castrop-Rauxel sollten WAZ und WR ihre Lokalberichterstattung künftig von den Ruhr Nachrichten des Medienhauses Lensing beziehen.

Aus der Studie: Gefahren für die Innere Pressefreiheit 2013

Ende Februar verkündeten die Frankfurter Societät (Frankfurter Neue Presse) und der Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZdie Übernahme der insolventen, schon seit Jahren um das Überleben kämpfenden Frankfurter Rundschau (FR). Von deren zuletzt noch 450 Mitarbeitern wurden nur 28 weiterbeschäftigt, die Berichterstattung aus Berlin bezieht die Rundschau weiterhin vom ehemaligen Schwestertitel Berliner Zeitung und von der DuMont Redaktionsgemeinschaft, die schon bisher beide Blätter belieferte.

Aus der Studie: Gefahren für die Innere Pressefreiheit 2013

Am 11. April 2013 stellte die Nachrichtenagentur dapd nach zwei Insolvenzen binnen eines halben Jahres, einer Umstrukturierung und der kurzzeitigen Übernahme durch einen Investor ihren Betrieb ein. Der Bremer Weser-Kurier lagerte zum 30. April zwei weitere Lokalredaktionen an einen externen Dienstleister aus. Bei der Berliner Zeitung mussten mehr als 30 Redakteure gehen. Völlig eingestellt wurde die traditionsreiche Hamburger Regionalzeitung Harburger Anzeigen und Nachrichten. Bei der Mainzer Verlagsgruppe Rhein-Main werden seit Ende Mai die Allgemeine Zeitung (Mainz) sowie der Wiesbadener Kurier und das Wiesbadener Tagbiatt gemeinsam produziert – mit einem Newsdesk für die Mantelteile sowie mit mehreren zusammengelegten Lokalausgaben.

In Franken arbeiten seit kurzem die fünf Zeitungen der Mediengruppe Oberfranken mit den Blättern der Würzburger Mediengruppe Main-Post bei der Erstellung der Mantelteile redaktionell zusammen – wie schon seit dem vorigen Sommer bei einzelnen Lokalredaktionen. Als Zulieferer ist auch die Augsburger Allgemeine im Boot. Zum 1. Januar 2014 übernahm die Funke Mediengruppe die Lokalzeitungen der Axel Springer AG, Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost.

 

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