Nach Nannen Eklat: Zeit zum Umdenken

Nach Nannen Eklat: Zeit zum Umdenken

Pressefreiheit in Deutschland  hat vor der Verleihung des Nannen-Preises begründet darauf hingewiesen, dass die Nominierung und damit auch die spätere Auszeichnung der „Bild“ in der Kategorie „Investigation“ Fehlentscheidungen sind.

Die Entscheidung für die „Bild“ entwertet den Preis und ist mit journalistischen Kriterien nicht zu begründen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der nachgewiesenen Instrumentalisierung der Pressefreiheit durch „Bild“. Mit dieser Auffassung stehen wir nicht allein. Die Autoren der Süddeutschen Zeitung, Hans LeyendeckerKlaus Ott und Nicolas Richter, lehnten aus Protest sogar den „Henri“ für ihre investigativen Recherchen ab. In den Statuten des Nannen-Preises heißt es: „Hat der Reporter den Sachverhalt, über den berichtet wird, selber entdeckt, oder hat er bei dessen Aufdeckung eine aktive Rolle gespielt?“ Bild recherchierte gemeinsam mit anderen Medien zu Wulffs Privatkredit. Der Spiegel klagte auf Eintrag im Grundbuchamt, der Stern recherchierte – publizierte jedoch erst später. Professor Michael Haller, Institut für Journalismusforschung sagte dem Medienmagazin ZAPP: „Das Problem bei der Kette der Enthüllungen und der aufdeckenden Arbeit in der Affäre Wulff ist, dass es falsch ist zu meinen, das könnte man an einem einzigen Artikel festmachen und sagen: Das war es. Die Jury hätte das durchschauen müssen und hätte einem Ensemble – meiner Meinung nach sechs Journalisten unterschiedlicher Medien – den Preis geben müssen. Für diese gemeinsame Aufdeckungsarbeit in der Affäre Wulff.“ Bild sei nicht der alleinige Aufklärer in Sachen Wulff, bestätigte auch die Jury des Nannen-Preises. Dass der Rücktritt eines Bundespräsidenten aufgrund von investigativer Berichterstattung ein echter Knall-Effekt ist, der die „Macht der Medien“ aufzeigt, ist unbestritten. Die Vergabe des Nannen-Preises an die „Bild“ ist damit jedoch nicht zu begründen – insbesondere wenn man die gesamte „Bild“-Berichterstattung zu Wulff ins Auge fasst. Darüber hinaus lesen Sie im Folgenden die Stellungnahme von Netzwerk Recherche, dem Verein investigativer Journalisten in Deutschland:

 Nach Nannen Eklat: Zeit zum Umdenken

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Das Netzwerk Recherche, der Verein investigativer Journalisten in Deutschland, kritisiert die Vergabe des Henri-Nannen-Preises in der Kategorie „Investigative Recherche“. Der Jury des Nannen-Preises fehlt offenbar zum wiederholten Mal ein klares Verständnis für die journalistischen Kriterien. Im Fall der Auszeichnung der „Bild“-Zeitung verwechselt sie einen erfolgreichen „Scoop“ mit der besten investigativen Leistung.

„Investigativ arbeiten“ heißt nicht, wie die Jury offenbar glaubt, eine möglichst skandalträchtige Schlagzeile zu produzieren oder von anderen Medien möglichst oft zitiert zu werden.

Das sind allenfalls Begleiterscheinungen. „Investigativ arbeiten“ heißt vor allem, ein gesellschaftlich relevantes Thema hartnäckig zu verfolgen, gegen Widerstände zu recherchieren, dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen und sie verständlich zu präsentieren. Also journalistische Aufklärung im besten Sinne zu betreiben.

Die Aufdeckung der Hintergründe um den Privatkredit des Bundespräsidenten Christian Wulff durch die „Bild“-Zeitung war verdienstvoll und richtig. Dennoch war sie nach den oben genannten Kriterien nicht die beste investigative Leistung des vergangenen Jahres.

Wenn der Henri-Nannen-Preis seinem Selbstverständnis als wichtigster deutschsprachiger Journalistenpreis in Zukunft noch gerecht werden will, muss er seine Entscheidungsfindung ändern.

Er sollte sich dabei am Pulitzer-Preis der USA orientieren. Ähnlich wie beim Nannen-Preis wählen in den USA zunächst fachlich qualifizierte Vorjurys diejenigen Artikel aus, die in die engere Wahl kommen. Die Hauptjury, die anschließend über die Vergabe entscheidet, besteht aber nicht wie in Deutschland aus 15 Chefredakteuren und Prominenten, sondern aus meist sieben Fachleuten pro Kategorie (beispielsweise erfahrene investigative Journalisten und frühere Preisträger). Über der Fachjury sitzt beim Pulitzer-Preis zwar noch ein Board, dass sich in der Regel aber an das Votum der Fachjury hält und nur in Ausnahmefällen eine andere Entscheidung trifft. Sowohl die nominierten Beiträge als auch die Zusammensetzung der Jury sind bis zur Bekanntgabe der Gewinner geheim, um Einflussnahme und Lobbying zu verhindern.

Dieses Verfahren führt dazu, dass beim Pulitzer-Preis Fachleute entscheiden und nicht Generalisten nach Gefühlslage oder Proporzdenken wie viel zu oft beim Henri-Nannen-Preis.

Oliver Schröm, 1. Vorsitzender          Markus Grill, 2. Vorsitzender
Pressekontakt:
info@netzwerkrecherche.de
www.netzwerkrecherche.de

 

Über den Autoren Björn Bendig

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