Negativ-Preis für die größte „Behinderung der Pressefreiheit“ geht an die FIFA und Sepp Blatter

Negativ-Preis für die größte „Behinderung der Pressefreiheit“ geht an die FIFA und Sepp Blatter

Die „Verschlossene Auster“ ist der Negativ-Preis der Journalistenvereinigung netzwerk recherche. Ausgerechnet im Fußballjahr 2012 geht die umstrittene Auszeichnung an die FIFA und ihren Präsidenten Sepp Blatter.

„Die FIFA hat in den vergangenen Jahren alle Versuche kritischer Journalisten, über Korruption und Ungereimtheiten bei der Postenvergabe zu recherchieren abgeblockt“, sagte Oliver Schröm, Vorsitzender von netzwerk recherche, zur Jurybegründung. „Gerichtsverfahren werden gegen Millionenzahlungen der FIFA eingestellt, gegen eine Offenlegung der entsprechenden Gerichtsbeschlüsse wehrt sich Blatter weiter mit allen Mitteln. Die jetzt beim FIFA-Kongress in Budapest verkündeten Maßnahmen in Sachen Ethik und Compliance seien nur Kosmetik, sagte Schröm: „Das zeigt sich schon daran, dass sie lediglich in Zukunft gelten sollen und keinesfalls die kritische Aufarbeitung der Vergangenheit geplant ist“.
Das bestätigte bei der Jahrestagung von netzwerk recherche auch der Laudator der verschlossenen Auster, der ehemalige FIFA-Mitarbeiter und heutige Schweizer Nationalrat Roland Büchel. Selbst die bereits vor vier Jahren gerichtsfest bewiesenen Schmiergeldzahlungen von mehr als 140 Millionen Franken, die zu einem großen Teil an die Spitzenfunktionäre der FIFA gingen, hätten an Blatters Selbstverständnis nicht viel geändert. „Dass dieser von Demokratie nicht viel hält, ist augenscheinlich“, so Büchel.

Verschlossene Auster, Laudator Roland Rino Büchel. Bild: Raphael Hünerfauth – huenerfauth.ch

Verschlossene Auster, Laudator Roland Rino Büchel. Bild: Raphael Hünerfauth – huenerfauth.ch

Als Beispiel nannte Büchel das weiterhin völlig intransparente System von Löhnen, Aufwandsentschädigungen und Boni bei der FIFA. „Im letzten Jahr schüttete die FIFA 96,8 Millionen Dollar an Löhnen, Zahlungen an Ehrenamtliche und Boni aus – nicht übel für einen nicht gewinnorientierten Verein mit extremen steuerlichen Privilegien und einem ideellen Zweck“, so Büchel. Anstatt kritische Medien-Anfragen zu diesem Thema zu beantworten, belohne die FIFA lieber positive Berichterstattung. Auch staatlicher Institutionen – wie die von Büchel initiierte Parlamentsinitiative zur Aufklärung von Korruptionsfällen im Sport –  versuche die FIFA durch durchsichtiges Lobbying abzuschwächen. „Die FIFA ging davon aus, dass die Politik wie gewohnt nach ihrer Pfeife tanzen würde. Die ehrenwerte Gesellschaft ließ uns Schweizer Volksvertreter sogar wissen, dass sie – was für ein Glück für uns alle – nicht über dem eidgenössischen Recht stünde“ so Büchel. Dabei sei der Europarat bereits Ende April „in 124 akribisch aufbereiteten Punkten zu einem vernichtenden Urteil“ über die Fußball-Weltorganisation gekommen. „Selbstregulierung ist sehr wichtig. Aber wenn die Probleme nicht aufhören, sollten Regierungen einschreiten. Autonomie ist für die Interessen des Sports da, nicht für die Interessen von skrupellosen Individuen“, zitierte Büchel den Kernsatz der Europarat-Resolution.

Die FIFA selbst erschien nicht zur Entgegennahme des Preises. Ihr Kommunikationsdirektor Walter De Gregorio schreibt netzwerk recherche: „Ich wäre gerne zur Veranstaltung gekommen, da ich Austern mag, aber ich bin zurzeit in Brasilien. Der Präsident selber verträgt keine Meeresfrüchte, zudem ist seine Agenda proppenvoll. Grundsätzlich glaube ich, dass Sie zu spät sind mit der Auszeichnung. Die Auster hat sich inzwischen geöffnet. Es geht in der Regel eine Weile, bis auch Recherchierjournalisten das merken. Die Austern im Kopf bleiben oft über das Verfalldatum hinaus geschlossen.“ De Gregorio rät, sich über den letzten FIFA-Kongress in Budapest zu informieren: „Da werden Sie ein paar Ansätze finden, um Ihre Meinung zu ändern. Wenn Sie denn daran interessiert sind.“ Falls man tatsächlich an einer Sachdiskussion interessiert sei, sei er aber „jederzeit bereit, mich Ihren Fragen zu stellen“, so De Gregorio.

Der Kritik-Preis wird in diesem Jahr zum elften Mal verliehen. Er steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien. Die Preisträger erhalten zur Erinnerung und als Mahnung zur Besserung eine Skulptur des Marburger Künstlers Ulrich Behner aus reinem Schiefer. Die ausgezeichneten Preisträger erhalten das Recht auf Gegenrede oder Stellungnahme vor der Jahreskonferenz von netzwerk recherche, an der in diesem Jahr mehr als 800 Medienvertreter teilnehmen.
Preisträger der vergangenen Jahre waren der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily, der Lebensmittelkonzern Aldi, die Hypo-Vereinsbank (stellvertretend für die DAX-Unternehmen), der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der damalige Chef der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, der damalige russische Präsident Wladimir Putin, das Internationale Olympische Komitee, der Bundesverband deutscher Banken und die Deutsche Bischofskonferenz.

Ähnliche Beiträge zum Thema: