Papst gegen Streisand-Effekt: Halbherzige Klagepolitik des Vatikans

Papst gegen Streisand-Effekt: Halbherzige Klagepolitik des Vatikans

Kann der Vatikan Zensur in Deutschland durchsetzen? Klagt die Kanzlei des Papstes auch gegen Blogger und andere Medien, die das Titanic-Cover weiterhin unzensiert verbreiten?

Pressefreiheit in Deutschland macht den Test und zeigte seit dem 11. Juli in einem Artikel zum Thema „Persönlichkeitsrecht gegen Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit“ das unzensierte Titanic-Cover. Die Redaktionslinie: Der Leser solle die Möglichkeit haben, den Stein des Anstoßes zu sehen, um sich eine Meinung bilden zu können. Darüber hinaus ist die vom Hamburger Landgericht ausgestellte einstweilige Verfügung kein rechtskräftiges Urteil – der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) sieht das Titanic-Cover von der Freiheit der Satire gedeckt. Ohnehin gilt diese einstweilige Verfügung nicht automatisch für alle Medien in der Bundesrepublik. Gottes Stellvertreter auf Erden müsste für jedes einzelne Medium, das das unzensierte Titanic-Cover zeigt, eine solche einstweilige Verfügung erwirken.

Pressefreiheit in Deutschland hat nach der Veröffentlichung des Artikels „Die Titanic, der Papst und die Presse und Kunstfreiheit“ einige Tage gewartet, ob es eine juristische Reaktion des Vatikans gibt. Diese blieb jedoch aus. Dann, am 17. Juli, wurden die Anwälte des Papstes – die Anwaltskanzlei Redeker Sellner Dahs in Bonn – über die Veröffentlichung noch einmal explizit per Mail in Kenntnis gesetzt. Der zuständige Anwalt Gernot Lehr, der auch den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff vertritt, reagierte leider nicht auf die Bitte um Rückmeldung zum Thema.

Halbherzige Klagepolitik des Vatikans?

Pressefreiheit in Deutschland möchte gerne Entwarnung geben: „Vatikan verzichtet auf weitere Zensurversuche“. Um dies tun zu können, wurde folgende Anfrage – das erste Mal am 17. Juli – an die Anwälte des Vatikans gestellt:

Presseanfrage: Klagepolitik bezüglich Papst gegen „Titanic“-Cover

Sehr geehrter Herr Lehr, sehr geehrte Frau Legler, […] Anfragen:
Es gibt einzelne Medien, die das umstrittene „Titanic“-Cover weiter verbreiten.
Müssen diese Medien mit einer einstweiligen Verfügung – nach dem Beispiel des Satiremagazins Titanic – rechnen? Warum? Warum nicht?
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat sich in einer Stellungnahme explizit für die Redaktion der „Titanic“ ausgesprochen. Konkret verbreitet das Online-Magazin und Watchblog Pressefreiheit-in-Deutschland.de auf dieser Grundlage weiterhin das unzensierte „Titanic“-Cover (siehe unten stehende Mail und Artikel).
Warum ist bei der Redaktion dieser Website noch keine einstweilige Verfügung eingegangen?

Oder anders gefragt:
Der Papst hat Sie dazu beauftragt, seine Persönlichkeitsrechte in Deutschland zu schützen.
Für welche Medien mit welchen Eigenschaften gilt das?
Warum setzen Sie Ihren Klage-Auftrag nur halbherzig um?
Kann also das unzensierte „Titanic“-Cover ab jetzt wieder publiziert und verbreitet werden, ohne dass mit einer Strafverfolgung zu rechnen ist?

Ich freue mich auf Ihre Antworten.

Klage oder Entwarnung? Deutsche Bischofskonferenz: „Das ist eine juristisch heikle Frage“

Der Papst gegen den Streisand-Effekt. Meinungsfreiheit im 21. Jahrhundert?

Am kommenden Freitag erscheint bereits die nächste Ausgabe der Titanic, über die der Titanic-Chefredakteur Leo Fischer sagt: „Auf dem nächsten Titel wird selbstverständlich der Papst zu sehen sein. Die gesamte Anmutung des neuen Titels wird sehr dem vorhergehenden Titel entsprechen. Also, ich möchte fast von einer Wesensidentität sprechen.“

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=DTn9eppoi84&feature=youtu.be[/youtube]

Vor diesem Hintergrund hat Pressefreiheit in Deutschland noch einmal auf Antworten gedrängt. Nach vielen Mails und zahlreichen Warteschleifen-Melodien teilte die Kanzlei Redeker Sellner Dahs mit: „Die Gründe, die Papst Benedikt XVI. dazu veranlasst haben, zum Schutz seiner Persönlichkeitsrechte eine einstweilige Verfügung gegen die Titanic zu erwirken, hat insbesondere die Deutsche Bischofskonferenz bereits erläutert“, so die Kanzlei, „zu darüber hinausgehenden Auskünften, die teilweise auf einen allgemeinen Rechtsrat hinauslaufen würden, besteht kein Anlass.“ Auf die telefonische Nachfrage, weshalb die Kanzlei keine Auskünfte zur Klagepolitik in diesem Fall geben könne, wurde an die Deutsche Bischhofskonferenz (DBK) verwiesen, die dafür zuständig sei. Auch auf die vom Thema losgelöste Frage, ob die Mandanten der Kanzlei Redeker Sellner Dahs immer so lange warten müssten, bis man auf einen Sachverhalt reagiere, wurde nicht geantwortet – aber gemeinsam gelacht.

Die Pressestelle der DBK war bereits über die Berichterstattung von Pressefreiheit in Deutschland gut informiert. Auf die Frage: „Die Kanzlei Redeke wurde damit beauftragt, die Persönlichkeitsrechte des Papstes zu schützen. – Für welche Medien gilt das?“, gab es trotzdem keine Antwort. „Da das eine juristisch heikle Frage ist, werden wir wie jedes gute Unternehmen oder Ministerium keine mündlichen Auskünfte darüber erteilen“, so die Pressestelle der DBK. Es werde eine klare Antwort geben – voraussichtlich am Montag. Fragt sich nur noch: Klage oder Entwarnung?

 

Der Papst gegen den Streisand-Effekt

Was ist der Streisand-Effekt? Er beschreibt das Phänomen, dass Informationen, die unterdrückt werden sollen, sich im Internet plötzlich rasanter verbreiten als zuvor – und ein Vielfaches an Aufmerksamkeit bekommen. Vor allem Blogger verfolgen weltweit interessante Debatten und verbreiten dabei „verbotene“ Informationen weiter. Insbesondere wenn der Papst auch das kommende Titanic-Cover verbieten lassen will, wird dieser Effekt noch einmal verstärkt werden. Den Namen verdankt dieser Effekt tatsächlich Barbara Streisand. Sie wollte ein Foto – eine Luftaufnahme ihres Hauses – verbieten lassen. Das Foto war 2003 auf der Website des Fotografen Kenneth Adelmann zwischen 12.000 anderen Fotos von der Küste Kaliforniens zu sehen. Erst die Klage stellte die Verbindung zwischen dem Foto und Barbara Streisand her. Aufgrund des Verbots und die damit einhergehende Öffentlichkeit, verbreitete sich das Foto, das vorher kaum jemand gesehen oder interessiert hatte,  im Internet. Die spannende Frage lautet also: Wer gewinnt? – Der Papst oder das Internet?

Über den Autoren Björn Bendig

Ähnliche Beiträge zum Thema: