Papst gibt „Titanic“-Zensur auf: ein Sieg für die Pressefreiheit, eine Kritik an vorauseilendem Gehorsam im Journalismus

Papst gibt „Titanic“-Zensur auf: ein Sieg für die Pressefreiheit, eine Kritik an vorauseilendem Gehorsam im Journalismus

Der Papst hat schlechte Medienberater. Soviel steht fest. Jetzt haben sie es endlich begriffen: Der Vatikan kann eine Zensur in Deutschland nicht durchsetzen. Damit ist der Vatikan in der Realität des Informationszeitalters angekommen und gibt alle Zensur-Bemühungen auf. Die einstweilige Verfügung gegen das umstrittene Papst-Cover der „Titanic“ wurde zurückgezogen. Zunächst sah der Zensur-Versuch vielversprechend aus.

Kritik: Vorauseilender Gehorsam der Journalisten etablierter Medien

Nach der einstweiligen Verfügung, ausgesprochen durch das Hamburger Landgericht, zeigte kein etabliertes Medium mehr das unzensierte Papst-Cover des Satiremagazins. Die Online-Auftritte dieser Medien nahmen in vorauseilendem Gehorsam bereits veröffentlichte unzensierte Versionen wieder aus dem Netz. Solidarität mit der Redaktion der Titanic? – Fehlanzeige. Das ist deshalb erstaunlich, weil die Verlage und Medienunternehmen dabei nicht viel riskiert hätten. Der Vatikan hätte bei weiteren unzensierten Veröffentlichungen gegen jedes Medium eine neue einstweilige Verfügung erwirken müssen. Risiko für das Medium: eine Gebühr von höchstens 1000 Euro. Pressefreiheit in Deutschland ist dieses Risiko eingegangen, verbreitete das unzensierte „Titanic“-Covers seit dessen Verbot weiter und informierte darüber die Anwälte des Papstes, die Deutsche Bischofskonferenz und den Vatikan selbst. Das Ziel: entweder eine weitere Klage oder die Entwarnung, dass die Zensur aufgehoben ist. Bereits vorgestern (29. August 2012) gab Pressefreiheit in Deutschland die Entwarnung, dass der Papst nicht mehr klagt. 24 Stunden später wurde die einstweilige Verfügung zurückgezogen. Überraschend ist das letztlich nicht. Denn die Durchsetzung der Zensur durch den Vatikan musste am Internet und dem mit ihm verbundenen „Streisand Effekt“ scheitern. Und gegen jedes Online-Medium und jeden relevanten Blogger eine einstweilige Verfügung zu erwirken, sprengen die Möglichkeiten des Papstes und der katholischen Kirche in Deutschland.

Der Fall zeigt: Die einstweilige Verfügung eines deutschen Gerichts kann für einen Journalisten nicht der einzige Maßstab sein, wenn es um Zensur geht. Es ist die Aufgabe von Journalisten, die Entscheidung einer Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung anhand eigener Kriterien zu bewerten und unabhängig zu treffen. Nur so können Journalisten, Redaktionen, Medienunternehmen und der Journalismus als gesellschaftliches Informations- und Kontrollsystem ihre Autonomie schützen.

Gott segne die Kunst- Meinungs- und Pressefreiheit

Obwohl der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) bereits erklärt hatte, das Papst-Cover sei durch die „Freiheit der Satire“, also der Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit, gedeckt, hielten sich alle etablierten Medien an die Zensur – selbst die Kollegen vom Medienmagazin ZAPP, die gerne über die Pressefreiheit berichten, hatten nicht den Mut, das Papst-Cover unzensiert zu zeigen und dem Zuschauer damit die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Bild zu machen und eine Meinung bilden zu können.

Durch die intelligente Medienarbeit der „Titanic“-Redaktion wurde der Druck auf den Vatikan jedoch stets aufrecht erhalten. Ein jahrelanges Prozessieren im Fall Papst gegen „Titanic“ hätte für den Titanic-Verlag eine riesige, dauerhafte und kostenlose PR-Kampagne bedeutet. Wie erfolgreich eine solche Kampagne gefahren werden kann, hat „Titanic“ Chefredakteur Leo Fischer nicht zuletzt durch die jüngste Protestaktion am Hamburger Michel gezeigt. Das ist Kunst, mindestens für den Bereich der Medienkommunikation. Gott segne also die Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit und nicht zuletzt das Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten der Meinungsverbreitung im Informationszeitalter, die Papst Benedikt XVI., seine Anwälte und seine Medienberater zur Vernunft gebracht haben. Ganz ohne Satire: Gott, hab Dank dafür.

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