Terrorismus und Medien: die unheilige Allianz

Terrorismus und Medien: die unheilige Allianz

Von Verena Rau:

Madrid, London, Moskau, Paris, Nizza, Brüssel – die Liste der Terroranschläge auf dem europäischen Kontinent ist lang. In Deutschland hatten wir Glück, wir wurden zwar zum Terrorziel des Islamistischen Staates erklärt, jedoch funktionierten Bombenzündungen nicht, oder die Polizei wurde vorzeitig aufmerksam.

Seit 2016 reihen sich erstmals Anschläge auf deutschem Boden ein, Ansbach, Würzburg und Chemnitz –  der Terrorismus ist angekommen, jetzt auch in Deutschland.

Funktioniert Terrorismus ohne die massenhafte Verbreitung der Gewaltbotschaften durch Medien?

Die Terroranschläge erreichen seit Jahren ein besonders großes, in weiten Teilen sehr emotionales Medieninteresse. Dabei ist Terrorismus nicht neu. Auch wenn uns islamistischer Terrorismus seit dem 09/11 begleitet, einen richtigen Umgang mit Terrorismus haben wir nicht gefunden.

Als Ulrich Wickert am 11.09.2001 im Nachrichtenstudio der ARD saß und den unbeholfen Zuschauern nach dem zweiten Flugzeugeinsturz erklärte, dass es nicht etwa Gebäudeteile, sondern Menschen seien, die im Hintergrund aus dem World Trade Center sprangen, war der islamistische Terrorismus nicht nur in der westlichen Welt angekommen. Er hatte auch die Medienbranche paralysiert. Die starken Bilder wurden zwar in einer Endlosschleife ins kollektive Mediengedächtnis unserer Gesellschaft gerammt – zusammen mit der Ratlosigkeit fassungsloser Journalisten. Eine Emanzipation der Medien gegen ihre Instrumentalisierung durch Terroristen und ihre Gewaltbotschaften hat allerdings bis heute nicht stattgefunden.

Bilder werden in einer Endlosschleife ins kollektive Mediengedächtnis unserer Gesellschaft gerammt

So hat der 11. September die Medienwelt verändert, seitdem sind Unterbrechungen des laufenden TV-Programms leichter möglich, Agenturmeldungen sorgen innerhalb der Nachrichtensendungen für ein größtes Maß an Aktualität, und Social-Media-Netzwerke haben sich neben Print und TV zu modernen und rasant schnellen Informationsquellen etabliert. Doch nicht nur die Medienlandschaft hat sich in den vergangenen 15 Jahren digitalisiert, auch Terrorismus-Organisationen nutzen Twitter & Co. für die Verbreitung ihrer Parolen, Recruiting und Einschüchterung. Besonders der IS profitiert vom Internet und Social Media Kanälen enstscheidend.

Die Angst der Deutschen vor einem terroristischen Anschlag war im Jahr 2016 so hoch wie nie zuvor, kaum eine Woche vergeht, in der nicht in politischen Talkshows über die neuen Gefahren des Terrorismus berichtet wird. Doch wie aufschlussreich sind die Beiträge über islamistischen Terrorismus wirklich? Klären sie auf oder verstärken sie die Terror-Angst in Deutschland bis in irrationale Höhen? – Es ist Zeit über einen gewissenhafteren Umgang der Medien in Bezug auf Terrorismus nachzudenken.

Mehr Verantwortung wagen!

In Deutschland gilt aus guten und historischen Gründen der Artikel 5 des Grundgesetzes – Meinungs- und Informationsfreiheit. Medienvertreter, -konzerne und Sender entscheiden nach eigenen Regeln, welche Beiträge sie veröffentlichen. Wichtig sind dennoch die Folgen der Veröffentlichung. Welchen Nutzen hat es konkret, wenn der US-Sender CNN stündlich die Ermordung von IS-Geiseln im Fernsehen zeigt? Müssen wir das wirklich in dieser hohen Frequenz sehen? Howard Kurtz, Medienexperte von Fox News,  äußerte bereits 2015 seine Bedenken: „Ich mache mir Sorgen, dass wir dabei behilflich sind, die Angst zu verbreiten, die ISIS so dringend verbreiten will.“

Seit 2016 druckt das französische Magazin Le Monde keine Aufnahmen von Terroristen mehr. Ist das aber in Zeiten von Google & Co. der richtige Weg? Terrorismus gehört zu den Gefahren unserer Zeit, selbstverständlich ist es richtig, sich mit jener Thematik zu beschäftigen. Allerdings lebt islamistischer Terrorismus wie Terrorismus generell von der Berichterstattung. Von der millionenfachen Verbreitung der terroristischen „Nachricht“. Denn moderner Terrorismus ist in erster Linie eine Kommunikationsstrategie, entworfen, um zu terrorisieren; Angst zu schüren und für eine langfristige Unsicherheit zu sorgen. Medienvertreter müssen sich bewusst werden, dass sie mit jeder Berichterstattung zu diesem Ziel beitragen.

Berichten ja! Aber klar, sachlich und mit professioneller Distanz

Viel, schnell, provokant und doch bruchstückhaft – sollen das die Grundsätze für den heutigen Journalismus sein? Bereits in den 70iger Jahren förderten die Medien – bewusst oder unbewusst – die Hysterie um die RAF-Terrorgruppe in Deutschland. Eine Handvoll Menschen hatten „der Bundesrepublik den Krieg erklärt“ und wurden von Medien zu einer irrational hohen Gefahr für den Staat inszeniert.

Doch ohne Internet ging die Berichterstattung damals langsamer und geordneter vonstatten. Die Tatsache, dass beinahe jeder heute über ein internetfähiges Handy inklusive Kamera verfügt und so zum Hobby-Reporter werden kann, führt zu einem riskanten Umgang mit Terrorismus. – Denn Falschmeldungen verbreiten sich im Internet in Windeseile und können ungehindert verbreitet werden, wie die fälschlichen Annahmen über den Amoklauf im Sommer in München deutlich zeigten.

Ein sachlicherer Umgang mit Terrorismus wäre wünschenswert, auch das richtige Maß an Berichterstattung sollte vorhanden sein. Berichten ja! Aber klar, sachlich und mit professioneller Distanz. Ansonsten bleiben Journalisten vor allem eins: intellektuelle Opfer und Steigbügelhalter gewaltbereiter Terroristen. Ein zu hoher Preis für Auflagen, Klicks und Quoten.

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