„Um Geschichten zu sehen, die nicht laut um Aufmerksamkeit heischen, braucht man einen klaren Kopf“

„Um Geschichten zu sehen, die nicht laut um Aufmerksamkeit heischen, braucht man einen klaren Kopf“

Von Björn Bendig:

Jedes Jahr veröffentlicht die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) die Top 10 der ignorierten Themen deutscher Medien. INA sitzt am Institut für Journalistik der Technischen Universität (TU) Dortmund und nimmt nur solche Themen in ihre Rangliste auf, die für einen breiten Bevölkerungskreis relevant sind.

Miriam Bunjes ist Freie Journalistin, Lehrbeauftragte für das INA-Seminar an der TU Dortmund und Jury-Mitglied der INA.  Mit Pressefreiheit-in-Deutschland.de spricht sie über Pluralismus in den Medien, kollektive Verdrängung, blinde Flecken in den Redaktionen und warum es so schwierig ist, Top 10 Themen der INA bei etablierten Medien durchzubekommen.


Frau Bunjes, was macht die INA, und warum setzen Sie sich dafür ein?

Die INA sucht jedes Jahr nach den Themen, die in den Medien untergegangen sind, obwohl sie viele Menschen betreffen. Diese Themen werden von Journalistik-Studierenden recherchiert und diskutiert und kommen dann vor unsere Jury. Die wählt aus ihnen die TOP 10 der vernachlässigten Nachrichten Deutschlands und präsentiert die vergessenen Themen der breiten Öffentlichkeit – in der Hoffnung, dass sie es dann doch noch schaffen, in die Öffentlichkeit zu kommen.

Ohne das Wissen um Zusammenhänge und verborgene Interessen kann eine Gesellschaft nicht funktionieren – jedenfalls nicht demokratisch und nicht so, wie ich sie mir wünsche. Relevantes öffentlich zu machen, ist die Kernaufgabe von Journalismus. Manchmal versagt er dabei. Diese blinden Stellen und auch ihre Ursachen sichtbar zu machen ist der INA wichtig – und  mir persönlich auch, weil alle unsere Themen in einer Zeit der Nachrichtenflut zu Unrecht untergegangen sind, sie aber die Sicht der Bevölkerung auf Sachverhalte verändern können.

Verraten Sie uns die aus Ihrer Sicht brisantesten Themen, die INA seit ihrem Bestehen als vernachlässigte Themen benannt hat?

Weil es uns auch in Zukunft alle betreffen wird, halte ich unsere TOP 1 aus 2011 „Bankenrettung ohne wirksame parlamentarische Kontrolle“ für sehr wichtig und ebenso die TOP 1 aus 2009 „Notstand im Krankenhaus: Pflegebedürftige allein gelassen“, ein Thema, über das übrigens noch immer sehr wenig berichtet wurde und wird.

Sagen Sie uns, welche Themen in diesem Jahr bereits in der engeren Auswahl sind? Welches Thema finden Sie persönlich am spannendsten?

Wir haben dieses Jahr mehrere Themen, die sich mit verschiedenen Aspekten deutscher Waffenexporte beschäftigen und auch zu problematischen Praktiken im Gesundheitssystem hatten wir diesmal mehrere Vorschläge. Die Recherchen der verschiedenen Seminare sind aber noch nicht abgeschlossen, einen klaren Favoriten habe ich deshalb bislang noch nicht.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht: Folgt nach der Veröffentlichung der INA-Liste eine Aufarbeitung der genannten Themen in etablierten Medien, die den „News Bias“ ausgleichen?

Nach der Veröffentlichung wird erstmal über uns und unsere Liste berichtet – in dem Augenblick sind wir ja auch ein aktuelles Ereignis mit der Art Nachrichtenwert, auf den die meisten Medien wert legen. Es ist auch schon so, dass sich das ganze Jahr über immer wieder Journalisten bei uns melden und sich nach Details zu unseren Themen erkundigen, weil sie einen Beitrag über sie machen wollen. Es gibt aber nicht für alle Themen gleich viel Interesse und wir können natürlich auch nicht immer sagen, ob bestimmte Themen jetzt nur deshalb Medienthema geworden sind, weil wir sie in die Öffentlichkeit gebracht haben.

Wenn nach Veröffentlichung unserer Liste in ausführlichen Fernsehbeiträge über das Für und Wider von festen Ärzten in Pflegeheimen diskutiert wird, freut uns das auch, wenn wir dabei nicht erwähnt werden – es geht uns ja um die Themen und wenn keine wichtigen mehr vergessen werden, schaffen wir uns auch gerne wieder ab. Das kann ich allerdings im Moment nicht sehen. Mehr kontinuierliche Öffentlichkeit täte unser Initiative also sehr gut – um noch mehr blinde Stellen vorgeschlagen zu bekommen. Und um die gefundenen sichtbarer zu machen.

Wie erklären Sie sich die blinden Flecken in den Redaktionen, durch die gesellschaftlich relevante und brisante Themen weitgehend übersehen werden?

Manchmal ist der gängige Nachrichtenbegriff selbst ein Problem: Viele relevanten Sachverhalte sind Zustände und keine Ereignisse. Journalisten bevorzugen aber „Aktuelles“ und orientieren sich auf der Suche danach auch sehr stark daran, was anderen Journalisten berichten. Und an den Ereignissen und Fakten, die mächtige Akteure präsentieren. Diese erlernten Nachrichtenauswahlkriterien dominieren dann in einer Redaktionskonferenz.

Gleichzeitig sinkt die Recherchezeit in vielen Redaktionen. Das führt erst Recht dazu, dass Kompliziertes und nicht gleich Offensichtliches übersehen und gar nicht erst angegangen wird. Um PR-Strategien zu durchschauen und die Geschichten und Standpunkte zu sehen, die nicht laut um Aufmerksamkeit heischen, braucht man einen freien Kopf – das bieten bei weitem nicht alle Redaktionen in Deutschland. Auch beobachten Journalisten zunehmend, dass auf Anzeigenkunden Rücksicht genommen wird: Um die innere Pressefreiheit ist es in Deutschland nicht gut bestellt – das hat ja auch Ihre aktuelle Befragung gezeigt.

Sie sind Freie Journalistin. Schreiben Sie auch Artikel über ignorierte Themen? Und werden die von etablierten Medien angenommen?

Klar mache ich das. Eigentlich ist das ja auch etwas, was sich gut verkaufen lässt – ein Thema, das die anderen noch nicht hatten, bedeutet ja auch: Exklusivität. Einige Themen bleiben aber schwer vermittelbar. Über unsere TOP 1 2012 „Keine Rente für arbeitende Gefangene“ habe ich zum Beispiel für die Nachrichtenagentur epd einen Korrespondentenbericht geschrieben, in der die Problematik am Beispiel eines Ex-Strafgefangenen erzählt wurde, der mehr als 20 Jahre lang ohne Rentenanspruch gearbeitet hat. Der Hintergrund: Gefangene unterliegen einer gesetzlichen Arbeitspflicht, eine Rentenversicherung versichert aber nur freiwillige Arbeit und es gibt kein politisches Interesse an dem offensichtlich ungerechten Widerspruch etwas zu ändern.

Nun, ein nettes unschuldiges Opfer, mit dem sich Leser sogleich solidarisieren, war der natürlich nicht. Strafgefangene haben keine Lobby, sind weder potenzielle Anzeigenkunden, noch Wähler: sie als Opfer von Ungerechtigkeit darzustellen, ist wenig populär. Das hatten wir bei der INA-Wahl schon als Grund für die mediale Vernachlässigung angenommen – und das zeigte sich auch bei der Abdrucken der Agentur-Geschichte: So gut wie kein Medium hat die Story gebracht, obwohl sie per Agentur im Standardformat kam.

Man könnte als Leser ja annehmen: Was die eine Redaktion nicht bringt, macht eben eine andere. Warum werden manche Themen also „kollektiv“ ignoriert?

Rechercheaufwändige Themen, die kompliziert sind und einen langen Atem brauchen, sind vielen Medien zu teuer. Diese ökonomischen Rahmenbedingungen sind eine wahrscheinliche Ursache für kollektives Schweigen. Themen wie das Strafgefangenenthema sind unbequem, weil sie möglicherweise den Leser auch nicht gefallen. Da scheint dann eher die Schere im Kopf zu zuschlagen.

Nach welchen Kriterien ermittelt die INA die Top 10 der ignorierten Themen? Werden wissenschaftliche Methoden dabei eingesetzt?

Die Bevölkerung schlägt uns die Themen vor, die ihre Einreicher für relevant, aber in den Medien vernachlässigt halten. Die Studierenden in unseren Rechercheseminare recherchieren dann das Thema: Voneinander unabhängige Quellen müssen zeigen, dass es sachlich richtig ist und die Recherche muss zeigen, dass das Thema und das Wissen um seine Inhalte für viele Menschen in Deutschland relevant ist. Gleichzeitig wird in Datenbanken überprüft, ob und in welchem Ausmaß über das Thema in den Medien berichtet wurde. Dabei wägen wir in den Diskussionen über die Themen auch ab, wie viel Berichterstattung für ein Thema angemessen ist. Wenn einer ganzen Generation junger Mädchen von der Pharmaindustrie eingebläut wird, dass die Antibabypille ein unbedenkliches Wellnesspillchen für schöne Haut und Haare ist, reicht ein kritisches Seite 3-Feature in der SZ nicht aus, um die vielen Menschen zu erreichen, die von dem Thema betroffen sind. Es sind also eher journalistische Methoden, die bei der Ermittlung der TOP 10 eingesetzt werden. Unsere Jury besteht allerdings zur Hälfte aus Wissenschaftlern und zur anderen aus Journalisten – aus der Idee heraus, so einen ganzheitlichen Blick auf die Themen zu haben und eigene blinde Stellen zu vermeiden.

Pressefreiheit-in-Deutschland.de wird in Zusammenarbeit mit Krautreporter.de ein Experiment wagen: Crowdfunding für Ihre kommenden Top 10 Themen mit dem Ziel, umfangreiche Beiträge zu jedem Thema zu organisieren. Was halten Sie davon?

Ich bin begeistert und sehr gespannt auf die Resonanz.

 

 

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