Wie funktioniert Wahlkampf im postfaktischen Zeitalter?

Wie funktioniert Wahlkampf im postfaktischen Zeitalter?

Von Verena Rau:

Emotionen vs. Wahrheit –

„Es heißt ja neuerdings, wir leben in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen. Und das Gefühl einiger geht so: ich triebe das Land in die Überfremdung, Deutschland sei bald nicht mehr wiederzuerkennen.“ So äußerte sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel kurz vor den Wahlen in Berlin über postfaktische Politik.

Merkels Amtszeit kann mit den Adjektiven nüchtern, rational oder pragmatisch beschrieben werden – emotional? Nein!

Launen bewirtschaften

Dennoch scheinen Emotionen der Weg zum politischen Erfolg zu sein. Die Alternative für Deutschland (AfD) gründete sich in erster Linie aus der Emotionalität heraus, dass die Eurowährung gescheitert sei und der europäischen Integration das Aus drohe. In Zeiten von Finanzkrisen, Flüchtlingswellen und Unsicherheiten ein tragfähiges Fundament.

Bildung, Familienpolitik, Integration und Wirtschaft – die AfD polarisiert bei Themen, von denen jeder Bürger betroffen ist. Klar, hierzu hat man eine Meinung, und die scheint im postfaktischen Zeitalter von Gefühlen geleitet. Woher kommt das?

Sind wir einmal ehrlich zu uns selbst:

  • Haben wir seit der „Griechenland-Rettung“ weniger Geld im Portemonnaie?
  • Haben wir uns mit Flüchtlingen persönlich auseinandergesetzt?
  • Haben unsere Kinder wegen des miesen Bildungsstandards weniger Chancen?

Es sind jene Fragen, die im postfaktischen Zeitalter polarisieren. Und dennoch würde ein Faktencheck diese Polarisierung entkräften, er würde eine Basis für echte, konstruktive Lösungen bereitstellen.. Aber darum geht es offenbar nicht mehr: Statistiken sind out! – Wichtig ist, was man empfindet, und wie man dies deutet.

Der Wahlkampf beginnt!

Nur noch wenige Monate, dann beginnt in der Bundesrepublik Deutschland der Wahlkampf für die Bundestagswahlen 2017. Bisher waren Wahlkämpfe geprägt von Statistiken, Zahlen und Fakten. Welche Auswirkungen aber hat das postfaktische Zeitalter auf den Wahlkampf im nächsten Jahr?

  • Rückschlag für etablierte Parteien

Bereits heute ist erkennbar, dass das postfaktische Zeitalter neue Parteien hervorruft und so eine Parteienvielfalt schafft. Diese Vielfalt kann allerdings auch als Zersplitterung gedeutet werden. Die AfD, gegründet aus einer emotionalen Protestbewegung, wird aller Voraussicht nach in den Bundestag einziehen. Und unter Umständen dort als eine von sechs oder sieben Parteien vertreten sein. Zwangsläufig führt dies zu unklaren Meinungsverhältnissen bis hin zur Regierungsunfähigkeit.

  • Emotionen vs. Notwendigkeit

Das Fatale am Postfaktischen ist, dass notwendige Reformen überschattet werden. Niemand streitet ab, dass ein tragfähiges Konzept für die Flüchtlingspolitik und Eurorettung wichtig sind. Es scheint aber, dass dies die einzigen Themen sind, die seit Jahren politisieren und emotionalisieren. Wichtig sind aber auch die notwendigen Reformen in den Bereichen Bildung, Familie und Wirtschaft. – Das postfaktische Zeitalter neigt dazu, diese Bereiche im Hintergrund verschwinden zu lassen. Dies kann schwerwiegende Folgen für kommende Generationen haben.

  • Mitte? Nein links und rechts!

Lange Zeit galt die Mitte in der Politik als das Maß aller Dinge. 2017 werden sich die Parteien vor allem auf die Wähler links und rechts der besagten Mitte konzentrieren müssen. Gewinner der Bundestagswahl 2017 wird die Partei sein, die es schafft, die Wähler beider Seiten zu gewinnen.

  • Bei der Wahrheit bleiben

„Von jedem, der sich um das Amt des Kanzlers bewirbt, ist zu verlangen, dass er dem Volk die bittere Wahrheit sagt“, befand schon Altkanzler Helmut Schmidt und gab dabei den Maßstab für den Umgang der Politiker mit postfaktischen Diskursen vor. Sachlich argumentieren, auch unangenehme Fakten den Bürgern nicht vorenthalten – stets bei der Wahrheit bleiben.

Es ist einfach, sich leiten zu lassen von Lügen, von emotionalen Ausbrüchen und der Versuchung,so zu antworten, dass es verunsicherte Bürgerinnen und Bürger anzieht. Am Ende zählen in der Politik aber Wahrheit und Ergebnis.

Die Bundestagswahl 2017 wird mit Spannung erwartet.

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