Wie viel Lobby steckt im Arzt?

Wie viel Lobby steckt im Arzt?

Die Lobby der Pharmaindustrie will in die Köpfe unserer Ärzte – auch über Lehrbücher für Mediziner. Die Journalisten Dr. Jakob Vicari und Bertram Weiß nehmen mit ihrem neuen Rechercheprojekt Lehr- und Fachbücher für Ärzte unter die Lupe und zeigen auf, wie die Einflussnahme der Pharma-Lobby auf dem Buchmarkt funktioniert.

Von Dr. Jakob Vicari und Bertram Weiß

»Die hochwertige Ausstattung dieses Werkes wurde durch die Unterstützung folgender Firmen ermöglicht.«

So oder ähnlich heißt es in vielen medizinischen und pharmazeutischen Büchern – und dann folgen Baxter und Bayer, Pfizer und Novo Nordisk Pharma, Grifols, Biotest und CSL Behring. Ein Konzern, der an Alzheimer forscht, finanziert Lehrbücher zu Demenz; ein Globuli-Hersteller unterstützt Lehrbücher zur Homöopathie. Die Pharma-Lobby hat den Markt für Fach- und Lehrbücher fest im Blick. Nicht immer ist das Interesse der Lobby so klar benannt, wie in diesem Vorwort eines Standardwerks zur Anästhesie: »Die Firma Astra Zeneca, seit über 60 Jahren führend in der Entwicklung der Lokalanästhesika, hat die Herausgabe freundlicherweise unterstützt.« In einem Atlas aus demselben Fachgebiet, erschienen 2013, verrät nur das Kolophon: »Zeichnungen: Nikolaus Lechenbauer im Auftrag von Astra Zeneca«. Wie weit sich der Auftrag erstreckte, bleibt ungewiss – und wie oft das Sponsoring ganz verschwiegen wird, lässt sich nur erahnen.

Wir glauben, dass die Unabhängigkeit von Lehrmaterial für die Ausbildung von Gesundheitsexperten wie Ärzten, Apothekern und Pflegekräften ein Wert ist, der für die gesamte Gesellschaft und deren Entwicklung bedeutsam ist

Informationen in Lehrbüchern sollten deshalb allein nach den Regeln der Wissenschaft ausgewählt werden. Etwaige Unterstützung von Buchprojekten sollte transparent und nachvollziehbar sein, um den Verdacht interessengeleiteter Einflussnahme auszuräumen. Nur wem unabhängiges Wissen zur Verfügung steht, der kann zwischen unabhängiger Forschung und ökonomischem Kalkül unterscheiden – nur, wer Lobbying in seinen Lehrbüchern erkennt, kann auch später die Arbeit von Lobbyisten verstehen und bewerten.

Wir haben deshalb mit den Mitteln des Prozessjournalismus eine langfristige Recherche begonnen, die zu mehr Transparenz führen und eine Antwort auf die Frage geben soll:

Welches Ausmaß hat die Förderung von medizinischen Fach- und Lehrbüchern durch Pharma- und Medizinproduktekonzerne, ihre Stiftungen und Verbände?

Unsere These:

Pharma- und Medizinproduktehersteller beeinflussen gezielt die Entstehung wissenschaftlicher Lehrbücher – und versuchen so, ihre Geschäftsmodelle und Forschungen in der Wissenschaft zu verankern.

Buch-Sponsoring ist im Bereich des Pharma-Lobbyismus für die Lobbyisten vermutlich vergleichsweise günstig. Vielleicht ist es deshalb bisher kaum öffentlich beleuchtet worden. Doch die Tragweite einer solchen Form der Lobbyarbeit erscheint immens. Wir wollen dafür Bewusstsein schaffen und stärken.

RECHERCHE

Das komplexe Thema erfordert eine innovative journalistische Herangehensweise, für die für (freie) Journalisten keine Finanzierungschance durch Redaktionen besteht. Insbesondere für die Datenerhebung und die Aufbereitung für das Web („Prozessjournalismus“) gibt es kaum redaktionelle Etats. Deshalb war eine erste Finanzierung aus Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung hilfreich, um erste Schritte zu unternehmen:

Explorative Gespräche mit Experten aus den Bereichen Pharmamarketing, Verlagswesen, Medizindidaktik

Datenjournalistische Recherche: Wir haben Vorworte von Medizinbüchern, die im Internet von Verlagen zur Verfügung gestellt werden, auf Sponsoring-Hinweise hin ausgewertet.

Investigative Recherche: Wir haben versucht, erste Kontakte im Verlags- und Pharmawesen aufzubauen, etwa zu Agenten, die zwischen Verlagen und Konzernen vermitteln und einer Ghostwriterin, die medizinische Fachtexte erstellt.

Basisrecherche in Bibliotheken nach Hinweisen auf Sponsoring im Fachbuchmarkt.

ERGEBNISSE:

Bislang haben wir Hinweise auf mindestens acht Methoden des Sponsorings zusammen getragen:

Methode 1: Autorenschaft. Autoren sind Mitarbeiter eines Konzerns. So können die richtigen Inhalte direkt im Buch untergebracht werden. Potentielle Einflussnahme: umfassend

Methode 2: Druckkostenunterstützung. Unternehmen finanzieren den Druck oder zusätzliche farbige Ausstattung. Potentielle Einflussnahme: gering

Methode 3: Zusatzleistungen. Goodies können etwa die Finanzierung von Abbildungen in einem Atlas sein, Recherchehilfen oder Bezahlung eines Ghostwriters. Potentielle Einflussnahme: umfassen

Methode 4: Corporate Book. Ein Unternehmen bestellt bei Verlag oder Agentur ein maßgeschneidertes Buch zum Produkt. Oft nicht zu unterscheiden von unabhängigem Fachbuch. Kennzeichnung: Häufig. Und häufig versteckt. Potentielle Einflussnahme: umfassend

Methode 5: Auflagenkauf. Pharmaunternehmen erwerben Teilauflagen und ermöglichen so Bücher. Diese können durch die Pharmavertreter als Werbegeschenke eingesetzt werden. Praktisch: Das Logo wird oft gleich eingedruckt. Potentielle Einflussnahme: gering

Methode 6: indirekte Autorenunterstützung. Konzerne unterstützen Wissenschaftler und Ärzte bei deren Arbeit, zum Beispiel durch Stipendien und Preise. Diese veröffentlichen. Potentielle Einflussnahme: hoch

Methode 7: Pharma veranstaltets. Das Arsenal der indirekten Methoden. Konzerne veranstalten Kongresse, aus denen ein (oft unterstütztes) Buch entsteht. War lange beliebt, wird immer mehr reglementiert. Potentielle Einflussnahme: mittel

Methode 8: Pharma lässt forschen Pharmakonzerne unterstützen Forschung, aus denen später eine Veröffentlichung wird. Natürlich erst nach der Patentanmeldung. Potentielle Einflussnahme: hoch

Wir haben eine Website online gestellt: www.pharma-bibliothek.de

Die Webseite bietet u. a.

Datenbank mit gesponserten Büchern. Anfang 2014 werden dort rund 120 Titel zugänglich sein.

Recherchemöglichkeiten nach Autoren, Verlagen und Pharmafirmen und freie Verfügbarkeit aller Daten.

Kontaktmöglichkeiten, um Crowdsourcing zu ermöglichen.

Basiswissen über Pharmamarketing im Fach- und Lehrbuchbereich.

Das Geschehen auf pharma-bibliothek.de begleiten wir kontinuierlich mit dem Twitter-Account @pharmabib

RESONANZ

Sowohl bei der Recherche als auch der weiteren Verbreitung des Projektes hat sich unser ursprünglicher Eindruck gefestigt: Es gibt ein breites Interesse und Bedarf, Sponsoring im Fachbuchbereich gesellschaftlich zu thematisieren. Nicht zuletzt, weil die beteiligten Akteure Wert auf Intransparenz und Diskretion legen und es somit der Öffentlichkeit erschweren, die Prinzipien des Sponsorings zu verstehen. Erste Anfragen der Presse bei uns und Hinweise von Experten deuten darauf hin, dass sich das Thema weiter entwickeln und verbreiten lässt.

AUSBLICK

Der erste Schritt ist gemacht, doch wir möchten dieses Thema weiter journalistisch bearbeiten und das Portal Pharma-Bibliothek.de etablieren. Anhand von ausgewählten Fällen möchten wir untersuchen, wie die Praxis der Buchförderung aussieht und Fragen nachgehen wie: Welche Lobbyisten sind im Lehrbuch-Lobbying aktiv? Ist Lehrbuch-Sponsoring ein gängiges Geschäftsmodell medizinischer Verlage? Gibt es verdecktes Buch-Sponsoring? Wer regt die geförderten Lehrbücher an, wer konzipiert sie – und welche Leistungen der Pharma-Lobby gibt es?

Außerdem möchten wir die Webseite weiter ausbauen, etwa indem wir weitere Beiträge zu einzelnen Aspekten unserer Recherche bieten oder auch grafisch veranschaulichen, etwa in Form eines Netzwerks. Schließlich bietet das Oberthema der Recherche eine Vielzahl von Anknüpfungspunkte für weitere Recherche, beispielsweise die Präsenz von Pharmaunternehmen im Umfeld medizinischer Fakultäten. Auch technisch und grafisch sollte die – bisher mit minimalen Mitteln erstellte Webseite – auf eine zeitgemäße Grundlage gestellt werden, wenn sie von Dauer sein soll.

Weitere Informationen zu den Autoren finden Sie auf der Seite “Autoren für die Pressefreiheit

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